Parship Algorithmen
Ronald und David in der Parship-Firmenzentrale in Hamburg | Foto: Miguel Ferraz
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31. Jan 2013

Mona Contzen

Archiv

Neues Berufsfeld: Online-Singlebörsen

-ARCHIV-

Zwei Programmierer von Parship im UNICUM Interview

Eine Liebesformel aus 136 Algorithmen

Sein Name ist Ronald. Einfach nur Ronald. Denn sein Job ist so topsecret, dass schon sein Nachname die große Geheimwaffe in Gefahr bringen könnte. Dabei setzt man an seinem Arbeitsplatz auf Transparenz, mit großen Fenstern und Besprechungsräumen aus Glas. Und im Flur gleich neben dem knallroten Empfang hängen die Erfolgsgeschichten der modernen Internet-Liebe an der Wand: Hochzeitsfotos, niedliche Babys, Familienbilder.

Schnappschüsse, die es ohne Parship, einen der dicksten Fische unter den deutschen Online-Partneragenturen, wohl nie gegeben hätte. Ansonsten sieht die Zentrale in Hamburg eher nüchtern aus. Außer einem Sofa, geformt wie ein Kussmund, und einer Knutsch-Bank, auf der man automatisch zusammenrutscht, erinnert hier wenig an das Geschäft mit der Liebe.

Ronald hat Philosophie studiert, trägt eine schwarze Brille zu den raspelkurzen Haaren und macht meist ein ernstes Gesicht. Seine Schultern sind leicht gebeugt. Schließlich trägt der 44-Jährige, seit er nach seiner Ausbildung zum Multimedia Publisher vor fünf Jahren bei Parship gelandet ist, eine schwere Last, ein Geheimnis, das außer ihm nicht einmal eine Handvoll Menschen kennt: die "Liebesformel". Aus 136 Algorithmen besteht sie. Gefüttert werden die Formeln mit 32 Persönlichkeitsmerkmalen, die wiederum aus 400 möglichen Antworten auf 74 Fragen resultieren. Das klingt nach Ronalds Kaliber - schön kompliziert.

"Gleich und gleich gesellt sich gern"

Dabei ist die Liebesformel erst einmal recht einfach. Frei nach dem Motto "Gleich und Gleich gesellt sich gern" gilt: Ähnliche Persönlichkeit + gleiche Gewohnheiten + gleiche Interessen = ausgezeichnete Chancen für eine harmonische Beziehung. Oder "perfect match", wie die Profi's bei der Maximalzahl von 140 Matching-Punkten wahrscheinlich sagen würden. Gegensätze ziehen sich im Parship-Prinzip dagegen nur selten an.

Ronald hat diesen Stein der Weisen nicht erfunden, sein Job ist es, Aktualisierungen der vierzig Jahre alten Formel des Hamburger Psychologieprofessors Hugo Schmale in die Informatiksprache zu übersetzen. Schließlich ist die Gesellschaft einem permanenten Wandel unterworfen und mit ihm ändern sich auch die Vorstellungen von Traummann oder -frau. Nehmen wir die Raucher: früher cool, heute eher zum Naserümpfen. So jedenfalls sehen es die Wissenschaftler, die von Ronald gesammelte Nutzerdaten entsprechend ausgewertet haben. Das Raucher-Kriterium muss sich also auch im Algorithmus ändern.

Deutschland - Europameister im Online-Dating

Wie sich die Übereinstimmung der einzelnen Merkmale vom Kommunikationsverhalten über die positive Grundeinstellung bis hin zum Wunsch nach Partnernähe letztlich in Punkten niederschlägt, darf Ronald natürlich nicht verraten. Schließlich ist die Online-Liebe ein riesiger Markt mit einem geschätzten Jahresvolumen von rund 200 Millionen Euro. Obwohl sich über 2 000 Singlebörsen, Partnervermittlungen, Singlechats, Seitensprung-Dienste und Sextreffs mit den je eigenen Patentrezepten auf diesem Markt tummeln, landet mehr als die Hälfte des Umsatzes in den Taschen der großen vier: Parship, Elitepartner, eDarling und Friendscout24. Der Branchenumsatz hat sich innerhalb der letzten acht Jahre mehr als verachtfacht, über sieben Millionen deutsche Singles sind jeden Monat auf Online-Dating-Portalen aktiv, ungefähr jede dritte Beziehung in Europa entsteht mittlerweile im Internet - mit Deutschland als Europameister.

Doch trotz oder gerade wegen dieser beachtlichen Zahlen, die das Internetportal Singlebörsen-Vergleich in einer aktuellen Studie veröffentlicht hat, habe die Branche langsam ihren Höhepunkt erreicht. Jedes einsame Herz ist hart umkämpft, jeder eingeweihte Mitarbeiter ein potenzielles Sicherheitsrisiko. Deshalb werden nicht nur die Liebesformeln von Parship, Elitepartner und Co. streng gehütet. Auch Ronald soll ohne Nachnamen möglichst anonym bleiben - zu groß ist die Gefahr, dass andere Anbieter versuchen könnten, ihn abzuwerben.

"Größe ist ein sehr wichtiges Kriterium bei der Partnerwahl"

Das gilt auch für Kollege David, Mediengestalter mit einem Diplom in Medientechnik. Der 32-Jährige lässt die Ergebnisse der Liebesformel so auf der Parship-Website erscheinen, dass auch die eine Million aktiven Nutzer im Jahr, die sich recht unromantisch hinter langen Buchstaben- und Zahlenkolonnen verbergen, sie verstehen. Auf der Startseite erfährt Mitglied ABC1XYZ dann, dass "Unternehmerin, 29" eine gute Partie für ihn wäre. Viele Balkendiagramme zur Häuslichkeit, Konventionalität oder seelischen Energie der Mitglieder und natürlich die Matching-Punkte sind da zu sehen. Keine Herzchen. Schließlich nimmt die Partnervermittlung das Geschäft mit der Liebe ernst. "Es geht um Menschen und deren Leben. Wir verkaufen keine Handtaschen oder Schuhe", sagt David.

"Man lernt, wonach die Partner ausgewählt werden. Größe ist zum Beispiel ein sehr wichtiges Kriterium", verrät Ronald. Wer die Parameter da zu eng ansetzt, verpasst seinen Seelenfreund vielleicht um nur einen Zentimeter - Mathe bleibt eben Mathe, auch wenn sie als Liebesformel daherkommt. "Das Matching drückt nur die Wahrscheinlichkeit für eine harmonische Partnerschaft aus. Das Anschreiben und Verlieben machen die Leute selber. Da ist dann auch Romantik im Spiel", versichert Ronald. Von "programmierter Liebe" will auch David nichts wissen. "Starthilfe" sei es, die sie mit der Liebesformel geben.

Auch Ronald und David haben ihre eigenen Profile auf der Website - allerdings nur zu Testzwecken, ihre Partner haben sie auf ganz altmodische Weise in der Offline-Welt kennengelernt. Ebenso wie ihren Arbeitgeber: Über Arbeitsvermittler haben die beiden ihre Job gefunden. Nur Davids Eltern waren anfangs skeptisch, ob denn so eine "Heiratsvermittlung" ihrem Sohn einen seriösen Arbeitsplatz bieten könne. Die Informatiker selbst hatten keine Berührungsängste, empfinden es nicht einmal als ungewöhnlich, sich in einem Team von 160 Mitarbeitern um das Liebesleben völlig Fremder zu kümmern. "Partner zu vermitteln, ist etwas sehr Schönes", sagt Ronald ganz pragmatisch, "schöner, als Gebrauchtwagen zu verkaufen."
 


Kurz & kompakt

  • Online-Partnersuche ist ein riesiger Markt mit einem geschätzten Jahresvolumen von 200 Millionen Euro.
  • Die Parship-Liebesformel besteht aus 136 Algorithmen und berugt auf 40 Jahren Partnerschaftsforschung.
  • Entwickelt wurde sie von Hugo Schmale, einem emeritierten Professor für Psychologie.
  • UNICUM hat übrigends auch eine kostenlose Singlebörse: UNIKuscheln