Landkarte von Silicon Valley mit Stecknadel
Foto: zimmytws/Thinkstock
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11. Sep 2017

André Gärisch

Arbeiten im Ausland

Traumziel Silicon Valley!?

Vibes und Visionen

No strings attached – die Gedanken sind frei. Zwischen San Francisco und San José liegt etwas in der Luft, das Worte nicht erfassen können. Jeden noch so versteckten Winkel erfüllt der Geist des Machbaren, Wandelbaren, Optimierbaren. Wer sich Schranken setzt, verliert. Wer nichts riskiert, wird die Welt nicht verändern – der Anspruch der Digital-Riesen wie Google, Facebook oder Tesla. Macher und Lenker denken, Tag und Nacht, in die Zukunft, nicht ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre. Entwicklungen für das gesamte Jahrhundert sollen es sein, das nächste Rad, die nächste Rakete, der nächste Computer. Welche Rolle spielen Deutsche im Silicon Valley? Wie finden sie sich zurecht in einer Umgebung, in der Zeit, Grenzen und Kontrolle verschwimmen?

"Hier gibt es deutsche Schulen, Bäcker und Metzger, ein Oktoberfest und einen Christkindlmarkt", erwidert Mario Herger erheitert auf die Frage, ob sich viele Deutsche im Valley tummelten. Der Autor von "Das Silicon-Valley-Mindset" fährt fort: "Etwa 60.000 Menschen aus der Bundesrepublik arbeiten hier." Eine stattliche Anzahl – denn eigentlich sei die deutsche Kultur, geprägt von "Nörgeleien", "der Fokussierung auf Probleme" und "Ängsten", nur schwer mit der liberalen Denkhaltung und dem exorbitanten Spirit Kaliforniens vereinbar. Interessant sei der Ort für Querdenker und Freigeister. "Neugier und Dynamik sind unabdingbar für ein Leben im Valley", betont der Geschäftsführer von Enterprise Garage Consultancy. Außerdem Offenheit: "Hier wird jeder Vorschlag ernst genommen, so verrückt er auch sein mag. Zudem findet tagtäglich ein Austausch mit Persönlichkeiten aus verschiedensten Kulturen statt."

Heimkehrer und Aufsteiger

"Viele Deutsche kehren bereits nach ein, zwei Jahren in ihre Heimat zurück. Sie berauben sich damit der Chance, in die hiesige Kultur so richtig einzutauchen", urteilt Herger, der aus Wien stammt und seit 16 Jahren in Palo Alto lebt. Trotzdem gibt es Erfolgsgeschichten: "Sebastian Thrun, Informatiker und Robotik-Spezialist, leitete ein Artificial Intelligence Lab an der Stanford University und schaffte es bei Google zum Vizepräsidenten." 2012 belegte der Solinger in einem Ranking der "100 einflussreichsten Denker der Welt", publiziert in der US-Zeitschrift "Foreign Policy", Platz vier. Auch Frauen setzen Ausrufezeichen. So zählt Margit Wennmacher aus Aachen zu den bedeutendsten Investoren im ganzen Tal. Für die renommierte Venture-Capital-Gesellschaft Andreessen Horowitz fungiert sie als Partnerin, CNN taufte sie "Queen of Silicon Valley". Zu Recht – denn sie vergibt Fördergelder von bis zu 100 Millionen Dollar.

Ein junger Mann, dessen Reise erst vor drei Jahren begonnen hat, ist Frederik Fahlke, 30, aus Hamburg. Angefangen hat alles mit einer ungewöhnlichen Idee: "Ich wollte mein Praktikum dort absolvieren, wo die Besten sind. Also entwarf ich mit meinem Kommilitonen Carsten Hinz eine Bewerber-Website, die wir an 50 Firmen im Silicon Valley verschickten." Auf Konventionen – etwa die Präsentation von Referenzen oder eines Lebenslaufes – verzichteten die beiden ehemaligen Design-Studenten der HAWK Hildesheim. Vielmehr erläuterten sie frei von der Leber weg ihre Sehnsüchte und Träume. Je nach Unternehmen wechselten Ansprache und Optik der Seite. Personalmanagern von Nest, eine Automatisierungsunternehmen, das mittlerweile zu Google gehört, gefiel, was sie sahen – es kam zum Skype-Interview und wenig später konnten die Tickets über den großen Teich gebucht werden.

Im gelobten Land

Der erste Arbeitstag war für Frederik äußerst aufregend: "Wir wurden von einem Recruiter unter freiem Himmel begrüßt. Ein kleiner Bus hat uns direkt zu Google gebracht. Dort gab es einen feierlichen Empfang für alle Neulinge mit Musik, Snacks und Vorträgen. In den nächsten Tagen wurden wir über versicherungs- und patentrechtliche Bestimmungen aufgeklärt, bekamen einen eigenen Mitarbeiterpass. Die Einführung am Rechner erfolgte frontal – für 100 Leute gleichzeitig. Außerdem wurde uns ein Buddy zugeteilt, ein persönlicher Ansprechpartner für fachliche Fragen."

Gearbeitet werde in T-Shirt und Jeans, den großen Bossen begegne man auf dem Flur oder in der Kantine. Jeder sei "gleich viel wert". Einmal Blut geleckt, suchte er sich im Anschluss an die Hospitanz einen Job – und fand eine neue Heimat bei Instagram als Interface-Designer. Er bewohnt nun ein nettes Appartement im 40.000-Einwohner-Städtchen Mountain View, da ihm der Anfahrtsweg aus San Francisco – eineinhalb Stunden – irgendwann auf die Nieren schlug. Seine Freundin aus Deutschland besucht ihn regelmäßig. Bei allem Erfolg – irgendwie vermisst er seine Heimat doch. Deswegen möchte er in wenigen Jahren zurückkehren und mit dem angehäuften kulturellen und fachlichen Wissen ein eigenes Start-up gründen: "Diese romantische Vorstellung hat es mir irgendwie angetan."

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