So sieht eine Karriere in der Naturwissenschaft aus
Berufseinstieg nach dem NaWi-Studium - nicht nur Arbeit im Labor! | Foto: Thinkstock/Alexander Raths
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10. Okt 2016

Ines Bruckschen

Berufsbilder

Berufseinstieg als Naturwissenschaftler

Herzklappen und Extrem-Simulationen

Chemikerin Svenja Hinderer – Tissue Engineering

Chemikerin Svenja HindererIhren Bachelor und Master hat Svenja (31) an der Hochschule Reutlingen gemacht, denn sie "wollte ein naturwissenschaftliches Studienfach, das interdisziplinär angelegt ist und auf Englisch gelehrt wird." Über diese Entscheidung ist sie bis heute glücklich, weil dort auch biologische und medizinische Bezüge geboten wurden. Mittlerweile hat sie eine Herzklappe entwickelt, die unserer natürlichen sehr nahe kommt – was sich zu einem Meilenstein in der Medizin entwickeln könnte. "Tissue Engineering" nennt sich dieser rasant wachsende Forschungsbereich, in dem Gewebe gesucht und entwickelt werden, die mit unserem Körper kompatibel sind. Svenjas Herzklappe lockt menschliche Zellen an, die dann bei ihr andocken. In Zukunft soll das Implantat sogar lediglich Trägersubstanz sein, die nach dem Einsetzen im Körper mit Zellen des Patienten besiedelt wird und sich selbst langsam auflöst. So könnte sie bei Kindern sogar mitwachsen. Das ist spektakulär und hat Svenja mit ihrer Doktorarbeit am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart den Deutschen Studienpreis mit 25.000 Euro eingebracht. Aktuell leitet sie dort die Arbeitsgruppe "Kardiovaskuläre Systeme, Biomaterialien und Bioimaging". Mit dem Team forscht sie derzeit an einem injizierbaren Material, das nach einem Herzinfarkt zum Einsatz kommen soll. Ein weiteres Projekt ist die Beschichtung von Blutgefäßen, damit sie nicht verstopfen. Ihr Antrieb: "Ich will an etwas Sinnvollem forschen, das den Menschen weiterhilft und von gesellschaftlichem Nutzen ist."
 


Mathematikerin Martina Roth - Automobilbranche

Mathematikerin Martina RothIn welchem Bereich sie später mal arbeiten wollte, wurde Martina (28) erst gegen Ende ihres Mathestudiums in Darmstadt klar. "Ich hatte keine Lust, in Banken oder Versicherungen zu arbeiten. Also habe ich mich umgesehen, was es noch gibt." Fündig wurde sie über das Careerbuilding-Programm der Karriereplattform Femtec, in dem sie drei Semester lang zusammen mit 50 anderen technikaffinen jungen Frauen verschiedene Unternehmen aus der Industrie kennenlernte – unter anderem die Daimler AG.  Heute ist sie im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen als Berechnungsingenieurin für Gesamtfahrzeugsimulation angestellt. Unter anderem ermittelt sie dort rechnerisch, wie sich ein Fahrzeug in Extremsituationen verhält. "Stichwort Elchtest – heute können wir viel früher berechnen, wann ein Wagen kippen würde." Oder sie untersucht einzelne Komponenten der Dämpfung, die sich auf den Fahrkomfort auswirken. Diese Aufgabe mag sie sehr, weil sie direkt erlebbar für den Kunden ist. "Jeder, der Auto fährt, spürt eine gute oder schlechte Dämpfung." Ein großer Teil der Arbeit findet am Computer statt oder an Prüfständen, die sie mit Daten für die sogenannte "Hardware in the Loop"-Simulation füttert, um die im Fahrzeug verbauten Steuergeräte zu testen. Martina rät jedem, die an den Universitäten angebotenen Karriereprogramme zu nutzen. "Da habe ich einen guten Einblick ins Berufsleben bekommen und das Bewusstsein, wie ich meinen Weg besser gestalten kann. Außerdem hat es mir die Tür zu Daimler geöffnet."
 


Physiker Tobias Schmid – Industrielle Produktion

Physiker Tobias SchmidSeine Diplomarbeit hat Tobias (33) noch in theoretischer Physik geschrieben, danach war ihm klar: "Ich will anwendungsorientiert arbeiten." Promoviert hat er über "Konzentratorphotovoltaik", jetzt erforscht er als Projektmitarbeiter in der Gruppe "Inline-Messtechnik" am Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik IPM in Freiburg, wie sich in modernen Fertigungsanlagen Bauteile schon während der Produktion vollautomatisch prüfen lassen, ohne den Vorgang zu beeinträchtigen. Ein Beispiel sind Zierleisten am Auto: Das sind zwar keine tragenden Teile, aber Käufer legen trotzdem Wert auf Glanz ohne Dellen. Tobias entwickelt mit seinen Kollegen industrietaugliche Messsysteme, die Daten in Echtzeit auswerten, damit die Zierleisten schon während der Herstellung auf Macken untersucht werden – was Zeit und Kosten spart. "Ich kann hier Optik und Elektronik verbinden, schreibe Software und entwickle Geräte", erklärt er zufrieden. Als Projektmitarbeiter verbringt er manche Tage im Labor, andere auf Dienstreisen zu Kooperationspartnern und Kunden. Dazu ist er regelmäßig in Kontakt mit Messtechnikfirmen und dem Hersteller der Zierleisten, er kümmert sich um die Einhaltung des Projektplans am Institut und koordiniert Schnittstellen. "Ich mag die Abwechslung und weiß, dass ich hier auch in einem Jahr immer noch was lernen werde."
 


Biologin Stanimira Rohmer-Strohbach – Innovationsmanagement


Biologin Stanimira Rohmer-Strohbach Irgendwann nach dem Biologie-Studium und der Promotion über Melanom-Forschung wurde Stanimira (37) bewusst, dass sie die aktive Forschung verlassen wird. "Denn um wirklich bahnbrechende Erfolge zu haben, muss man sich als Forscher der Wissenschaft komplett verschreiben." Stattdessen fand sie Gefallen daran, genau solche Spitzenforscher organisatorisch zu unterstützen. Als das Helmholtz Zentrum München, das Deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Verstärkung für die Abteilung "Strategische Initiativen" suchte, bewarb sich Stanimira und beteiligte sich dann am Aufbau der heutigen Abteilung "Innovationsmanagement". Derzeit betreut sie als Projektmanagerin sogenannte Entwicklungsprojekte, unter anderem aus dem Bereich Wirkstoffforschung. "Wenn zusätzliche Gelder für diese Projekte benötigt werden, unterstütze ich sowohl bei der Suche nach geeigneten Ausschreibungen, als auch bei der Antragsstellung. Vielleicht kommt auch eine Startup-Gründung infrage, dann versuche ich, spezifische Förderprogramme einzuwerben."  Das Innovationsmanagement kümmert sich auch darum, dass Know-how patentrechtlich abgesichert wird. Und darum, welche Unternehmen man als potenzielle Partner für eine weitere Entwicklung ansprechen könnte, damit neue Ansätze rasch dem Patienten zugute kommen können. "Ich sitze hier an der Schnittstelle zwischen Forschung und Administration und habe mich zur Allrounderin entwickelt."
 

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