Lehrer werden
Um den Beruf des Lehrer ranken sich viele Gerüchte und Klischees | Foto: Thinkstock/ ALLVISIONN
Autorenbild

08. Sep 2014

Marie-Charlotte Maas

Berufsbilder

Willst du wirklich Lehrer werden?

Das Berufsbild im Faktencheck

Lehrer wollen nicht alleine saufen

"Der Lehrerberuf ist einer der ältesten und schönsten Berufe überhaupt – und einer der wichtigsten in der Gesellschaft", findet Annette Schavan. "70 Prozent aller Lehrer haben Freude an ihrem Beruf, das ergab eine Umfrage in den Monaten Juni, Juli und August. Die anderen 30 Prozent gehen in die Schule, weil sie nicht alleine saufen wollen", findet Harald Schmidt.

Wer hat Recht? Die einstige Bildungsministerin, die in ihrer Amtszeit zusätzliche 500 Millionen Euro für die Lehrerbildung bewilligte? Oder der Entertainer, der weiß, dass kaum etwas einen sichereren Lacher garantiert als Witze über Pädagogen? Wir haben den Faktencheck gemacht und Lehrer und Experten getroffen, die ein ehrliches und differenziertes Bild ihres Jobs zeichnen, der eben keiner ist wie jeder andere.
 


Die Ausbildung

Beim Lehramtsstudium gibt?s noch immer überwiegend ein zweiphasiges Modell. Zunächst der theoretische Teil an der Hochschule, später die Praxisphase, das 18- bis 24-monatige Referendariat an einer Schule. Kritikpunkt von Studenten wie Lehrern ist noch immer die Praxisferne im Studium. Doch hier tut sich was. In Berlin diskutiert eine Expertenkommission unter Pisa-Papst Jürgen Baumert über ein Praxissemester im Studium. Anderswo nehmen die Betroffenen in Projekten wie "Studenten machen Schule" das Problem selbst in die Hand. 

Künftigen Lehrern, die auf Beamtenprivilegien hoffen, werden so noch rechtzeitig die Augen geöffnet. Dies hofft zumindest Dr. Peter Vogt. Der Mediziner ist seit Jahren anerkannter Experte für Lehrergesundheit und stellt klar: "Man hat als Lehrer ein Leben lang, also 45 Jahre, Kinder, Schüler, Pubertierende – eine Altersgruppe, von der man sich immer weiterentfernt. Für manche ist das eine Quelle ewiger Jugend, aber für die meisten ist das eher schwierig."
 


Die Anforderungen

"Ich möchte, dass die Besten und Engagiertesten eines Jahrgangs Lehrer werden", wünschte sich die ehemalige Bundesbildungsministerin. Doch Spitzennoten machen noch keinen guten Pädagogen. Vogt, Experte für Burnout-Prophylaxe aus Bad Tölz, ergänzt: "In meinen Augen ist sehr wichtig, dass man Kinder und Jugendliche mag. Der Lehrberuf ist ein kooperativer Beruf, das heißt, ihn kann man nicht alleine machen." 

Für Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, brauchen Pädagogen etwas, was man nur schwerlich in Seminaren bekommt: "Nerven wie Drahtseile". Im hessischen Marburg gibt?s jemanden, auf den dies zutrifft. Marco Otto ist ein leidenschaftlicher Lehrer, "80 Prozent meines Lebens bestehen aus Schule", sagt er und das klingt nicht wehmütig, sondern stolz. Mittlerweile 18 Jahre besucht er diese Schule, als Schüler, Referendar und nun als Lehrer.
 


Klischees über Lehrer


Die Jobchancen

Probleme, einen Job zu finden, hatte Marco Otto nicht. Das lag auch an seinen Fächern: Englisch und Latein. Geradezu gebuhlt wird auf dem Arbeitsmarkt um Lehrer mit Fächern wie Mathe, Physik, Informatik oder eben Latein. Dass es für Junglehrer auch anders aussehen kann, beschreibt der Berliner Stephan Serin in seinen teils autobiographischen Büchern "Föhn mich nicht zu" oder dem jüngst erschienen "Musstu wissen, weissdu!". 

In ihnen schildert er nicht nur den Alltag in deutschen Klassenzimmern, sondern auch seine unbefriedigende Jobsituation nach dem Referendariat. Bedingt durch seine Fächerwahl: Französisch und Politik. Als Vertretungslehrer hangelt er sich durch verschiedenste Berliner Schulen und gibt zu: "Natürlich hab ich auch darunter gelitten, dass die Chancen so schlecht waren aufgrund von meiner nur durchschnittlichen Note und mehr noch meinen Fächern."

Generell gilt: Der Markt für Lehrer ist extrem unübersichtlich, schließlich gibt es je nach Bundesland ganz unterschiedliche Schulformen oder Tarife. Chancen, gerade den Mangelfächern, gibt es auch für Quereinsteiger, allerdings nicht immer zu den besten Konditionen. Lehrervertreter Kraus, selbst Schulleiter an einem bayerischen Gymnasium, spricht da aus eigener Erfahrung: "Ich hab an meiner Schule in den letzten Jahren Diplom-Ingenieure und Diplom-Physiker eingestellt, aber ich konnte den Leuten immer nur einen Jahresvertrag geben."
 


Der Verdienst

Seit der Föderalismusreform legen die Bundesländer die Lehrergehälter an staatlichen Schulen fest, mit Ausnahme der Schweiz ein einzigartiges Modell in Europa. Da auch noch bei kirchlichen oder privaten Trägern unterschiedlich vergütet wird, ergibt sich eine entsprechend große Gehaltsspanne. 

Laut Angaben der GEW von 2014 verdient ein Grundschullehrer ja nach Berufsalter zwischen 36.000 und 51.400 Euro jährlich. Pädagogen für die Mittelstufe kommen auf 42.000 bis 57.900 Euro, in der Oberstufe sind es zwischen 45.400 bis 64.000 Euro. Damit liegt Deutschland im oberen Drittel, lediglich in Luxemburg und Liechtenstein wird besser verdient. 

Grundsätzlich scheint der Faktor "Gehalt" nur eine untergeordnete Rolle bei der Berufswahl zu spielen, auf die besser honorierten Rektorenstellen spekuliert laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage nur jeder fünfte Lehrer. Unterschiede beim Gehalt ergeben sich aber auch aus dem Berufsstatus, so bleibt angestellten Lehrern bei gleichem Gehalt weniger Netto vom Brutto als verbeamteten Lehrern. Grund sind die Abzüge für die gesetzliche Rentenversicherung, die bei Beamten durch die spätere Pension aus der Landeskasse nicht anfällt.
 


Der Beamtenstatus

Dass gerade den jungen Lehrern die Verbeamtung wichtig ist, leugnen sie gar nicht. Zwei Dritteln ist der Status Beamter wichtig oder sehr wichtig. Warum eigentlich? Beamte müssen keine Kündigung fürchten, bekommen im Krankheitsfall ihr volles Gehalt und eine sichere Pension aus der Landeskasse. 

Simon Deventer ist frisch gebackener Referendar in Jülich. Seit dem 1. Mai unterrichtet er als Lehramtsanwärter Latein und Geschichte. Der 28-Jährige ist sich bei seinen Kommilitonen sicher, "dass viele an die Vorteile einer Beamtenpension denken", und ergänzt direkt, "aber die Außenwirkung des Wortes ist meist größer als das, was tatsächlich dahintersteckt." 

Was davor steht, ist allerdings erst einmal eine große Hürde. Denn längst nicht in jedem Bundesland wird automatisch verbeamtet, gerade finanziell klamme Stadtstaaten wie Berlin oder Bremen scheuen die teuren Staatsdiener und vergeben lieber Angestelltenverträge. Hinzu kommt eine Gesundheitsprüfung, die am Ende des Referendariats für so manche Extraschicht im Fitnessstudio sorgt, schließlich sind nicht nur psychische oder körperliche Probleme, sondern auch ein BMI-Wert vonüber 25 K.-o.-Kriterien für eine Verbeamtung.

Doch der vermeintliche Traumstatus hat auch Schattenseiten. Die Standortsicherheit kann schnell zum Bumerang werden, weiß Simon Deventer. "Schon dein erster Posten bindet dich für mehrere Jahre, das ist ja auch klar, wenn man bedenkt, dass Klassen ihre Lehrer nicht ständig wechseln können." Auch das Streiken für bessere Gehalts- oder Arbeitsbedingungen ist ihnen untersagt.
 


Die Arbeitsbelastung

Vormittags haben sie recht und nachmittags frei, so weit das beliebte Lehrerklischee. Ein Gymnasiallehrer mit den Fächern Deutsch und Englisch verbringt im Schnitt pro Jahr etwa 1.000 Stunden allein mit den Korrekturen von Klausuren, Vokabeltests oder Aufsätzen. Bei diesen 1.000 Stunden hat er noch keine einzige Stunde gehalten oder vorbereitet, Kollegen vertreten, Elternabende oder Konferenzen abgehalten. 

Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verbringt rund 1.800 Stunden im Job. Zudem ist im Job jederzeit volle Konzentration gefragt. Das hat Referendar Simon Deventer bereits festgestellt: "Die große Herausforderung ist, sich innerhalb eines Schultags auf ganz unterschiedliche Klassen- und Schülertypen inklusive ihrer 'Tagesform' einzustellen."

Mediziner Vogt ergänzt: "Viele Lehrer machen sich nicht bewusst, dass man in diesem Beruf immer auf dem Präsentierteller steht. Denn die Klassen spiegeln einfach gnadenlos die Persönlichkeit des Lehrers zurück. Das ist auf Dauer sehr anstrengend." Hinzu kommen der ständige Druck von Schülern, Kollegen, Eltern und Vorgaben der jeweiligen Kultusbehörden, was Lehrstoff und Umfang angeht.

Druck, den man nach Möglichkeit beim Verlassen des Schulgeländes hinter sich lassen sollte, empfiehlt der Berliner Autor und Lehrer Stephan Serin: "Man nimmt den Beruf natürlich auch mit nach Hause. Man muss schon darauf achten, dass man irgendwann sagt, jetzt ist auch Schluss." Wenige Lehrer schaffen den Spagat, nicht selten ist bereits das Referendariat die Nagelprobe für so manche Beziehung.

Und dennoch – trotz aller Klischees, besonderen Arbeitsbedingungen und Belastungen, glücklich sind sie alle mit ihrer Berufswahl. Simon Deventer, der Referendar, der ganz ohne Pathos sagt: "Was gibt es Größeres und Wichtigeres, als Kinder und Jugendliche zu unterstützen, sich Dinge anzueignen, die sie in ihrem späteren Leben gut gebrauchenkönnen?""

Marco Otto, der Lehrer, den seine Schüler in Marburg "King Otto" rufen und der seine Schule von beiden Seiten des Pultes kennt. Josef Kraus, der Schulleiter, der noch beim Abiball versucht, seine scheidenden Schüler für seinen Beruf zu begeistern. Oder Stephan Serin. Der Autor hat sein Glück als Lehrer an einer Gesamtschule in Brandenburg gefunden, trotz nur durchschnittlicher Abschlussnote und Fächerkombination. Und verbeamtet wird er demnächst auch.
 

Diese Themen könnten dich auch interessieren