Autonomes Fahren Zukunft
Die Automobil-Branche ist auf Zukunfts-Kurs | Foto: Thinstock/Jirsak
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04. Mai 2016

Marc Wiegand

Branchencheck

Autonomes Fahren: An der Zukunft mitarbeiten

Woran Ingenieure und Informatiker künftig tüfteln

Autonomes Fahren braucht große Datenmengen

UNICUM: Arbeitsmarktexperten nennen den Bereich des Autonomen Fahrens oft als Beispiel für einen der zentralen Zukunftsbereiche, in denen vor allem Ingenieure wie IT-Fachkräfte gebraucht werden. Inwieweit teilen Sie diese Einschätzung?
Manfred Adams: Das Autonome Fahren erfordert vor allem die Verarbeitung großer Mengen an Informationen, dies betrifft sowohl die Auswertung aller Sensordaten des Fahrzeugs als auch seine Vernetzung mit einer Cloud-ähnlichen Struktur. Beide Aufgabenstellungen gehören im Kern in den Bereich der klassischen IT. Hier müssen sie aber in Echtzeit ablaufen und werden im Zusammenspiel wie eine Art künstliche Intelligenz agieren. Ingenieure sind natürlich auch gefragt, werden sich allerdings eher mit den Veränderungen des Fahrzeugs selbst beschäftigen, die das Autonome Fahren mit sich bringt. So werden etwa sicherheitsrelevante Systeme redundant – also doppelt – ausgelegt werden müssen. Die Ansprüche an den Innenraum von Autos in Bezug auf Komfort und Funktionalität werden steigen und neue Ansätze erfordern. Die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs hingegen wird weniger wichtig sein als heute.

Welche konkreten Fachrichtungen aus diesen beiden Disziplinen kommen im Bereich Autonomes Fahren zum Einsatz? Geht es vorrangig um Maschinen- und Fahrzeugtechnik auf der Ingenieurseite?
Zusätzlich zu den genannten Feldern bei den Ingenieuren ist auch die Elektronik zu nennen. Besonders wichtig sind dabei Sensorik, Aktuatorik sowie das ganze Feld der Interaktion von Mensch und Maschine – nicht zu vergessen die notwendigen Datenübertragungssysteme. Den größten Bedarf an Informatikern gibt es bei den Themen Vernetzung, Datenmanagement und künstliche Intelligenz. Doch auch Schnittstellenfunktionen müssen besetzt werden, etwa durch Ingenieurinformatiker.

Systemübergreifendes Denken ist gefragt

In welchem Maß können auch Fachleute aus anderen Disziplinen in diesem Bereich arbeiten?
Manfred Adams ist Entwicklungsleiter der Brose Gruppe | Foto: BroseGanz allgemein gilt: Der Bedarf an Fachkräften wird sich nicht mit Spezialisten aus den genannten Fachrichtungen decken lassen. Ich denke, dass es daher gute Möglichkeiten für den Quereinstieg aus verwandten Gebieten gibt. Wirtschaftsingenieure und Wirtschaftsinformatiker sind hier nur ein Beispiel. Gute Voraussetzungen sind dabei ein grundsätzliches Interesse an Autos sowie der Wunsch, die Mobilität von heute und morgen mitzuentwickeln. Doch auch Ideenreichtum, Kreativität und systemübergreifendes Denken sind gefordert.

Was macht aus Ihrer Sicht die besondere Faszination aus, in diesem Bereich zu arbeiten?
Die automobile Welt wird sich in den nächsten zehn Jahren vermutlich mehr verändern als in den 50 Jahren zuvor. In kaum einem anderen Bereich kann man so direkt an der Zukunft arbeiten und diese mitgestalten.
 



Assistiertes Fahren bereits in Serie

Wie kann man den derzeitigen Stand der Entwicklung beim Autonomen Fahren einordnen?
Nun, eigentlich ist Autonomes Fahren ja eher ein Oberbegriff. Man unterscheidet zwischen assistiertem sowie teil-, hoch- und vollautomatisiertem Fahren als verschiedene Entwicklungsstufen. Assistiertes Fahren gibt es heute bereits in Serie, nämlich in Form von Funktionen wie dem Spurhalte- oder dem Bremsassistenten. Hier übernimmt der Computer die Lenkung ODER Beschleunigung. Bei der Teilautomatisierung erfolgt beides automatisch, der Fahrer muss das System aber ständig überwachen und eingreifen können. Auch dies ist heute bereits in Serie, ein Beispiel ist der Stauassistent. Die Hochautomatisierung als nächster Meilenstein geht noch einen Schritt weiter: Der Fahrer muss das Auto nicht mehr dauerhaft kontrollieren, aber nach Aufforderung die Steuerung übernehmen können – mit einer gewissen Zeitreserve. Beim übernächsten Schritt, dem vollautomatisierten Fahren, ist das System dann zusätzlich in der Lage, das Fahrzeug ohne Mithilfe des Fahrers sicher in den Stillstand zu versetzen. Der selbstfahrende LKW von Mercedes kann dies auf Autobahnen bereits, ist aber bislang nur als Versuchsfahrzeug zugelassen. Beim echten "autonomen", also fahrerlosem, Betrieb wird das Fahrzeug schließlich komplett eigenständig von Start zu Ziel gefahren und der Fahrer endgültig überflüssig. Es befinden sich also nur noch Passagiere an Bord.

Wann könnte die Serienproduktion erstmals real werden?
Technisch ist das Autonome Fahren heute bereits realisierbar, doch für die Serienproduktion sind die Kosten derzeit noch zu hoch. Bei LKWs wird sich das Autonome Fahren daher vermutlich früher durchsetzen und ist in der Stufe Hoch- bzw. Vollautomatisierung ab 2022 denkbar.

Wichtige Haftungsfragen sind noch zu klären

Inwiefern teilen Sie die Ansicht, dass neben den technischen Hürden vor allem größere rechtliche Hürden bis zur Serienproduktion zu nehmen sind?
Diese Ansicht teile ich vollkommen. Ein großes Thema wird dabei die Haftung unter allen Umständen und ihre Auswirkung auf Versicherungen sein.

Wie lässt sich das Beschäftigungs-Potenzial in diesem Bereich einordnen? Kann man das voraussichtliche Stellenwachstum vielleicht prozentual einschätzen? Wird das Thema Autonomes Fahren vorrangig bei den OEMs oder bei den Zulieferern angesiedelt sein?
Eine Prognose über die Beschäftigungsentwicklung in diesem Bereich können wir derzeit nicht geben. Hier spielen zu viele noch nicht geklärte Faktoren eine Rolle, etwa die erwähnte Unsicherheit bei der Rechtslage. Man darf diese Entwicklung auch nicht isoliert in der Fahrzeugindustrie sehen – dem Zuwachs auf der einen Seite steht vielleicht ein Schrumpfen auf der anderen Seite gegenüber. Technisch wird das Thema sowohl bei den Zulieferern als auch bei den Herstellern beheimatet sein. Zulieferer sind ein großer Innovationstreiber in der Automobilindustrie, auch beim Autonomen Fahren, doch für das Zusammenspiel aller notwendigen Systeme sind die OEMs verantwortlich. Diese werden auch bei rechtlichen Fragen in der vordersten Reihe stehen müssen.
 

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