Frauen in der Finanzbranche
In der Finanzbranche arbeiten besonders viele Frauen | Foto: Thinkstock/monkeybusinessimages
Autor

08. Jun 2017

Wiebke Mönning

Branchencheck

Weibliche Führungskräfte: "Es müsste eigentlich von beiden Seiten stärker gepusht werden"

Interview mit Anja Amberg von der ING-DiBa

Wichtig; Die richtigen Vorbilder zur richtigen Zeit

UNICUM: Aktuelle Studien von pwc und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung belegen: In den WiWi-Studiengängen ist die Hälfte aller Studierenden weiblich (teilweise sogar mehr). Auch in der Finanzbranche ist die Mehrheit der Beschäftigten weiblich. Wieso spiegelt sich das auf Führungsebene nicht wider?
Anja Amberg: Meiner persönlichen Einschätzung nach ist es offensichtlich so, dass viele Frauen Ahnung von Finanzen haben – sonst würden sie ja nicht in der Branche arbeiten –, aber sich den Führungsjob nicht zutrauen. Oder auch anders herum betrachtet: inwieweit trauen die heutigen Entscheider den jeweiligen Frauen den Job zu? Es müsste eigentlich von beiden Seiten stärker gepusht werden, damit die qualifizierten Frauen auch in die Führungsetagen kommen.

Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist natürlich auch das Thema Familie. Obwohl sich in der Gesellschaft schon einiges verändert hat, liegt das Thema Familie noch hauptverantwortlich bei den Frauen. Es ist definitiv sehr schwierig, eine sehr verantwortungsvolle Position auszuüben, wenn man nicht Vollzeit arbeiten kann. Es ist heutzutage in vielen Unternehmen nach wie vor ein Thema, dass Führungskräfte in einer verantwortungsvollen Position auch eine sehr hohe Verfügbarkeit abbilden.

Glauben Sie, dass mehr Frauen in der Finanzbranche eine Führungsposition anstreben würden, wenn es mehr weibliche und prominente weibliche Vorbilder gäbe?
Das glaube ich schon, wobei ich an der Stelle einen anderen Hinweis habe: Ich habe mir bisher immer die richtigen Vorbilder für den jeweiligen Zeitpunkt gesucht. Mein Tipp für Absolventen oder Berufseinsteiger in der Finanzbranche ist: Sucht nicht, bis ihr die passende Frau als Vorbild gefunden habt, sondern schaut euch nach den richtigen Vorbildern in der Situation um. Natürlich wäre es zuträglicher, wenn es mehr weibliche Vorbilder gäbe, aber ich würde darauf nicht warten. Ich habe mir bei der Suche nach einem Vorbild, oder besser einer Orientierung, nie die Frage gestellt, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Sondern ich habe mich immer an dem orientiert, was ich erreichen wollte, und dann war das Vorbild eben ein Mann oder eine Frau.

"LinkedIn oder XING haben mich in meiner Karriere noch nicht weitergebracht"

Anja AmbergWie wichtig sind Ihrer Meinung nach Netzwerke und Networking, um in der Finanzbranche eine Führungsposition zu erreichen?
Das ist aus meiner Sicht das A und O. Netzwerken ist unglaublich wichtig, denn die Aufgaben und Verantwortungen ändern sich mittlerweile so schnell. Es braucht nicht unbedingt eine Eins-zu-eins-Beziehung auf inhaltlicher Ebene, sondern es ist wichtiger klar zu kommunizieren, für welche Themen man einsteht und dass man gute Kontakte sowohl innerhalb eines Hauses als auch außerhalb knüpft. Das wiederum hilft seine fachlichen Themen voranzubringen und auch einen entsprechenden Karriereschritt gehen zu können. Es ist definitiv eine Kombination zwischen dem Talent und Knowhow, das man mitbringt, und den Kontakten, die man hat. 

Ist das eher ein klassisches Networking mit persönlichem Kontakt oder gehen Sie da über Online-Dienste?
Also ich persönlich muss sagen, dass mich Online-Dienste wie LinkedIn oder XING in meiner Karriere noch nicht weitergebracht haben. Ich arbeite im Einkauf, bin also in der Regel vorsichtiger, denn mich kontaktieren viele Lieferanten, und potentielle Anbieter zur Kaltakquise – das hängt natürlich mit meiner Rolle als Leiterin des Procurement zusammen.

Was macht eine gute Führungskraft aus?

Ist Ihnen in Ihrer Zeit in Singapur ein Unterschied zu Deutschland aufgefallen, was Frauen in Führungspositionen betrifft?
Ja, total. Mütter, die ein oder mehrere Kinder haben, sind genauso berufstätig wie ihre männlichen Partner, oder auch Personen, die Kinder haben oder keine Kinder haben. Dort ist der Unterschied schlichtweg nicht wahrnehmbar, auch, dass Mütter drei Monate nach der Geburt nicht arbeiten und dann wieder voll dabei sind. Und machen dann entsprechend Karriere.

Können Sie sich vorstellen, woran das liegt?
Das Rollenverständnis zur Kindererziehung ist in Singapur ein ganz anderes. Es ist dort selbstverständlich, dass sich die Mutter, die Schwiegermutter oder eine Nanny um das Kind kümmert. Die Betreuung der Kinder ist dort gesellschaftlich anders definiert. Keine Frau würde auf die Idee kommen, ein Jahr zuhause zu bleiben.

Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Führungskraft aus?
Eine gute Führungskraft kann sich auf Menschen einlassen und die Menschen verstehen, die sie führt. Man ist – entgegen der allgemeinen Auffassung – weniger der beste Fachexperte, sondern kann zuhören und den Mitarbeitern helfen, sich weiterzuentwickeln. Ich finde, ein sehr wichtiges Element ist, dass Führungskräfte dafür verantwortlich sind, Mitarbeiter weiterzubringen und sie zum nächsten Schritt zu begleiten. Für mich ist Führung letzten Endes eine Form von Dienstleistung: Führung hat keinen Selbstzweck. Es ist kein Ziel per se Führungskraft zu sein, um einen bestimmten hierarchischen Schritt zu machen, sondern um die Rolle auszufüllen. Das muss das Ziel sein, die Organisation zu unterstützen und die Mitarbeiter weiterzuentwickeln. Aber Führung an sich ist keine Expertenstelle, sondern ist das Leiten der Mitarbeiter, um sie zu befähigen, ihren Job zu machen. Viele Führungsjobs haben beides, das darf man auch nicht vernachlässigen, und ist auch in der Finanzbranche immer stärker der Fall, dass die Führungsaufgabe in Stabsstellen wie Procurement mit einem starken Fachaspekt einhergeht. Ansonsten kann man seine Mitarbeiter auch nicht gut führen, wenn man nicht weiß, worum es geht. 

Grundsätzlich sollte man prüfen, was Frauen an einem Job begeistert und was die Männer anspricht. Da ich persönlich hauptsächlich Einkäufer einstelle, habe ich in der Vergangenheit häufig sehr viele Bewerbungen von Männern bekommen, die sehr qualifiziert waren. Dann habe ich mich ein bisschen genauer damit beschäftigt und habe herausgefunden, dass es bestimmte Attribute in unserem Job gibt, die eher Frauen als Männer ansprechen. Wir brauchen aber beides, um erfolgreich zu sein, und insofern fängt es früh an, dass wir uns bewusst machen, dass auch die Neigungen und bestimmte Ausprägungen von Attributen unterschiedlich sind. Ob das nun gesellschaftlich anerzogen ist oder wir dies schon bei der Geburt mitbekommen, weiß ich nicht. Das Bewusstsein muss geschaffen werden, dass bei geschlechtlich gemischten Teams ein größerer Erfolg einhergeht. Das nicht nur auf der untersten Ebene, sondern auch in der Führungsebene.

"Das Studium war für mich Mittel zum Zweck"

Worauf kommt es an, wenn man in der Finanzbranche erfolgreich sein möchte?
Ich weiß nicht, ob das in der Finanzbranche anders als in anderen Branchen ist. Um Erfolg zu haben muss man wissen, worum es geht und eine Meinung zu den Dingen haben. Man sollte sich gerne in neue Dinge einarbeiten, Lust auf Neues haben, sich positionieren und durchsetzen können, aber gleichermaßen ein guter Zuhörer sein.

Wie wichtig ist es, einen konkreten Karriereplan zu haben?
Das ist ein bisschen typenabhängig. Ich selbst habe nie einen Karriereplan gemacht, habe auch heute keinen. Ich überlege mir immer, welcher nächste Schritt für mich der richtige ist und habe Urvertrauen, dass ich das schaffe. Es gibt sicherlich Menschen, die viel mehr Planung brauchen. Die sollten sich aber auch sicher sein, dass der Plan sich immer mal ändern wird. Jeder sollte schon ein konkretes Ziel vor Augen haben, ansonsten weiß man ja nicht, in welche Richtung man arbeitet. Und dabei durchaus ambitioniert denken!

Haben Sie die Weiterbildung neben der Arbeit zur Diplom-Kauffrau mit dem Ziel gemacht, eine höhere Position zu erlangen?
Definitiv! Das Studium war für mich Mittel zum Zweck. Mit Erfolg, denn ein paar Monate nach meinem Diplom bin ich bei der ING-DiBa gestartet.

Lebensmotto: "Das Glas ist halbvoll"

Wie haben Sie es empfunden, neben der Arbeit noch zu studieren?
Ich würde es wieder machen, wenn ich nochmal neu entscheiden müsste, aber es ist durchaus auch anstrengend. Die Überlegung, ob man diese Doppelbelastung aushält, die muss jeder für sich anstellen. Ich kann es nur empfehlen, denn in dieser Zeit habe ich wertvolle Berufserfahrung gesammelt und gleichzeitig meinen Abschluss gemacht. Insofern bringe ich langjährige praktische Erfahrung und ein Diplom mit. Ich arbeite seit meiner Ausbildung mit 17 Jahren. Das ist wirklich sehr früh, hat aber sicherlich auch dazu geführt, dass ich heute im Alter von 33 Jahren in dieser Position bin. Es lohnt sich!

Als Prokuristin müssen Sie hart verhandeln und Risiken abwägen. Hat Ihnen das auch im beruflichen Aufstieg geholfen?
Im Procurement hat man ganz oft Schnittstellenfunktion innerhalb und außerhalb des Unternehmens, muss zahlreiche Interessen abwägen und kann sich nicht in alles im Detail einarbeiten. Das bringt der Job als Führungskraft mit sich. Ich muss viele Entscheidungen fällen, ohne alle Details zu kennen, sondern muss auf das Urteil meiner Mitarbeiter vertrauen.

Was würden Sie jungen Absolventinnen und Absolventen, die eine Karriere in der Finanzbranche anstreben, raten?
Insbesondere für Frauen habe ich den Tipp, sich das Lebensmotto "Das Glas ist halbvoll" zu eigen zu machen und nicht zu sehr nach den eigenen Fehlern zu suchen, sondern stets die positive Seite zu sehen. Und immer neugierig bleiben!
 


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