Für Chemiker gibt es viele Möglichkeiten zur Spezialisierung.
Im Master gibt es viele Spezialisierungsmöglichkeiten für Chemiker. | Foto: welcomia/Thinkstock
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31. Mai 2017

Janna Degener-Storr

Branchencheck

Ganz schön speziell: Studienmöglichkeiten für Chemiker

Spezialisierungsmöglichkeiten Chemie

Kulturschock Maschinenbau

Nach ihrer Ausbildung zur Biologisch-technischen Assistentin entschied sich Nicole Pirkl für den Bachelor "Chemische Technik" an der Hochschule München. Neben chemischen Fächern standen hier auch Technisches Zeichnen, Verfahrenstechnik und Werkstofftechnik auf dem Programm. "Ich wollte mich nicht nur mit chemischen Reaktionen beschäftigen, sondern auch mit der Frage, wie man zu diesen Stoffen kommt, wie sie produziert werden und wie man die Anlagen auslegt. Und ich fand es toll, ingenieurwissenschaftliche Fächer wie Elektrotechnik oder technische Mechanik auszuprobieren", erzählt die 24-Jährige.

Teil des Studiums waren verschiedene Laborpraktika und ein Praxissemester, das Nicole Pirkl bei einem Schmierstoff-Hersteller verbrachte. Hier musste sie mit Maschinenbauern zusammenarbeiten – eine neue Erfahrung: "Als Chemikerin interessiert mich der Aufbau von einem Schmierfett, die Kollegen hatten nur eine vage Vorstellung von Molekülen. Es war nicht leicht, ihnen die Dinge so zu erklären, dass sie den Versuchsablauf verstehen konnten", erinnert sie sich schmunzelnd. Während viele Kommilitonen nach dem Bachelorabschluss in die Verfahrenstechnik oder in den Umweltbereich einstiegen, entschied sich Nicole Pirkl für einen Master in Biotechnologie, anschließend möchte sie in den Pharmabereich einsteigen.  

Meister des Messens

Eigentlich wollte Benedikt Seeger Chemiker werden, um Medikamente zu erforschen. Während des Chemie-Bachelors an der Uni Göttingen nutzte er dann viele Messgeräte, doch ihn interessierte viel mehr, wie diese Geräte aufgebaut sind. Außerdem arbeitete er neben dem Studium als Hilfskraft bei einer Firma, die Radaranlagen für den Straßenverkehr baut, fand Gefallen an Experimenten zur Messmethodik und merkte dadurch, dass ihm die Physik viel mehr lag als die reine Chemie. Nach dem Bachelor entschied Benedikt sich also für den Master in Messtechnik und Analytik an der TU Braunschweig, wo er sich jetzt auch mit Datenauswertungen beschäftigt.

Bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, wo er als Praktikant an einer Atomuhr mitbaute, schreibt der 24-Jährige gerade seine Masterarbeit. "Messen heißt verstehen. Besonders in der Chemie braucht man Geräte, um beispielsweise in Moleküle hineinzugucken", schwärmt er. Gerade erst habe er eine Stellenausschreibung gesehen, in der es um die Entwicklung von Messverfahren für die Oberflächen von Stahl geht, was sehr gut zu seiner Ausbildung mit Chemiehintergrund passt. Weil in der Industrie viel gemessen wird und in Deutschland viele Messgerätehersteller tätig sind, seien die Arbeitsmarktchancen im Bereich der Messtechnik überhaupt sehr gut. Benedikt selbst will nach dem Studium promovieren und sich dann wahrscheinlich selbstständig machen. 

Orga rund ums Labor

Beim ersten Anlauf musste Nicole Hassepass ihr Chemiestudium abbrechen – weil ihr das Geld ausging, wie sie sagt. Als sie dann in einem pharmazeutischen Forschungsunternehmen zunächst als Chemielaborantin und anschließend als Research Associate tätig war, absolvierte sie berufsbegleitend einen Bachelor in Industriechemie und einen Master in Wirtschaftschemie. Dabei wurde ihr das Master-Studium an der Hochschule Fresenius über das Deutschlandstipendium finanziert. Im Master lernte sie viel über Management-Themen wie Projektplanung, Prozessoptimierung und Personalführung. Dadurch konnte sie anschließend bei ihrem Arbeitgeber zur Leiterin der Labororganisation aufsteigen. "Ich konnte mir die Abteilung selbst aufbauen und mein Personal einstellen. Dabei hat der Master natürlich sehr geholfen", erzählt die 37-Jährige.

Im Labor steht Nicole Hassepass heute nicht mehr, doch von ihrem Chemiestudium profitiert sie dennoch. Denn um Chemikalien und Geräte einzukaufen, zu lagern und bereitzustellen, um die Reparatur und Wartung von Laboren zu organisieren und die Arbeitssicherheit zu gewährleisten, braucht sie chemische Kenntnisse und Erfahrungen im Laborbetrieb. Um noch besser für die Sicherheit ihrer Kollegen sorgen zu können, arbeitet Nicole Hassepass jetzt noch berufsbegleitend an einen Master in Betriebssicherheitsmanagement.


"Chemiker müssen über den Tellerrand schauen"

Wir haben bei Dr. Gerd Romanowski vom Verband der Chemischen Industrie (VCI) nachgefragt, wann eine Spezialisierung Sinn macht und wie der Berufseinstieg  für Chemiker am besten gelingt.

UNICUM: Welche Spezialisierungsmöglichkeiten haben Studenten, die nicht bei der reinen Chemie bleiben möchten?
Dr. Gerd Romanowski: Die Chemie hat viele Schnittstellen zu benachbarten Disziplinen, die spannende Forschungstätigkeiten auftun. Aufgrund des Mangels an Ingenieuren sind Spezialisten in Technischer Chemie, Verfahrenstechnik oder Chemieingenieurwesen gefragt. Wenn Sie an den Energiebereich und die Entwicklung von Photovoltaik oder Batterietechnologie denken, befinden Sie sich an der Schnittstelle von Chemie und Physik bzw. Materialwissenschaften. Und wer sich auf Biologie, Biotechnologie oder Biochemie spezialisieren möchte, findet etwa in der Medikamentenentwicklung eine berufliche Zukunft.

Und wenn ich als Studierender nicht in die Forschung gehen möchte?
Dann können Sie ein Chemiestudium mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium kombinieren. In den Bereichen Einkauf, Marketing oder Logistik beispielsweise werden Nachwuchskräfte mit chemischem Know-how gesucht. 

Welche Kompetenzen sollte ich als angehender Chemiker mitbringen?
Fachkompetenzen sind das A und O. Darüber hinaus ist es für Nachwuchskräfte wichtig, über den Tellerrand zu schauen, denn Chemiker arbeiten fast überall interdisziplinär mit Physikern, Biologen, Materialwissenschaftlern oder Marketing-Fachleuten zusammen. Außerdem sollten Studenten sich damit auseinandersetzen, wie ein Unternehmen funktioniert. Schließlich sollten sie mindestens eine Fremdsprache exzellent beherrschen, denn Auslandsaufenthalte bei Kunden, Lieferanten oder Forschungspartnern sind selbstverständlich und die wissenschaftlichen Arbeiten sind meist in Englisch, der Wissenschaftssprache Nummer Eins, verfasst.
 

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