Frauen im Beruf
In der Karriere einer Frau kann es mehr als einen Knick geben | Foto: Thinkstock/maurusone
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16. Feb 2016

Nathalie Klüver

Frauen & Karriere

Frauen im Beruf: Willkommen am Karriereknick

Interview mit Soziologe Fabian Ochsenfeld

Sozialpolitik fördert Rollenbilder

UNICUM: Frauen werden im Berufsleben auch heute noch diskriminiert, so die weitverbreitete Meinung ?
Fabian Ochsenfeld: Ich hatte meine Zweifel an dieser These. Der allgemeine Diskurs besagt, dass Frauen so gut ausgebildet sind wie Männer. Und so lange gleichauf sind, bis sie ins Arbeitsleben starten. Dann stoßen sie in den Betrieben vermeintlich an die gläsernen Decken. Wenn man das Ganze so versteht, kommt man zum Schluss, man müsse durch die Politik diese Decken zerschlagen, um Gleichstellung zu erhalten. Dabei zielte die Politik jahrzehntelang mit viel finanziellem Aufwand darauf ab, eine Arbeitstrennung zwischen Männern und Frauen zu fördern. Durch das Ehegattensplitting zum Beispiel. Dafür geben wir sehr viel Geld aus: 2006 ungefähr 20 Milliarden Euro. Etwa doppelt so viel wie alle staatlichen Ausgaben für Krippen, Kindergärten und Horte zusammengenommen.

Also sind nicht die Frauen schuld, sondern die Sozialpolitik?
So einfach kann man es auch nicht ausdrücken. Die Rollenbilder werden durch die Sozialpolitik gefördert – und sie werden von Männern und Frauen verinnerlicht, womöglich schon in der Sozialisation an sie herangetragen. Das führt dazu, dass sich Männer schon in der Studienwahl häufiger als Frauen an den Arbeitsmarktchancen orientieren. Ich nehme an, dass das mit den Rollenerwartungen zu tun hat: der Mann als Familienernährer. Frauen bevorzugen häufig Literaturwissenschaften und andere brotlose Fächer, die vielleicht der Tradition entstammen, dass es die Rolle der Frau ist, das kulturelle Kapital an die Kinder heranzutragen, wie es früher in bürgerlichen Familien üblich war.

"Frauen studieren oft das Falsche"

Eigentlich sollten diese Zeiten doch passé sein ?
Das sollte man meinen. Aber es schlägt sich auch heute noch in der Studienfachwahl von Frauen nieder. Männer und Frauen sind gleich gut ausgebildet und mehr Frauen sind an den Hochschulen – das ist die Annahme und stimmt ja auch, oberflächlich betrachtet. Aber wenn es um Karrierechancen geht, studieren Frauen oft das Falsche. Ihr Studium ist weniger auf den Erwerb von Humankapital ausgerichtet.

Das Dilemma beginnt also bei der Fächerwahl und kommt so richtig zum Ausbruch, wenn Frauen Kinder bekommen, oder?
Meine Untersuchungen zeigen, dass der Nachteil für Frauen in der Regel erst dann entsteht, wenn sie ein Kind bekommen. Also nicht aufgrund ihres Geschlechts. Wenn ein Mann Vater wird, hat das für ihn keine negativen Auswirkungen auf die Karriere – für eine Frau aber sehr wohl.

Sie nennen dieses Phänomen "Mother Gap".
Der Nachteil, den speziell Mütter erleiden – gegenüber Männern mit und ohne Nachwuchs und gegenüber kinderlosen Frauen. Frauen werden nicht benachteiligt, weil ihnen nichts zugetraut wird, sie zu schüchtern sind oder nicht die richtigen Netzwerke haben. Das konnte ich empirisch widerlegen.

Was hat die Familienpolitik damit zu tun?
Die Familienpolitik war lange ausgerichtet, diesen Mother Gap zu fördern. Elterngeld und der geplante Ausbau von Krippenplätzen sind die ersten Schritte, ihn zu verkleinern. Es gibt aber weiterhin viele Elemente wie das Ehegattensplitting, die einen Anreiz dafür schaffen,dass ein Elternteil zuhause bleibt. Und das ist dann – kulturell bedingt – meistens die Frau. Ich habe in diesem Kontext auch die Unterschiede von Ost und West unter die Lupe genommen. Die Familienpolitik in der DDR war vollkommen anders ausgerichtet. Es ging darum, die Frau möglichst schnell wieder auf den Arbeitsmarkt zu bringen. Dadurch gibt es in Ostdeutschland eine umfassende Versorgung mit Betreuungsplätzen

Frauen machen dort also eher Karriere?
Die Studie hat gezeigt, dass es in ganz Deutschland einen signifikanten Karriereknick von Frauen gibt, wenn sie Mutter werden – aber dass er im Osten weniger gravierend ausfällt als im Westen. Mütter mit Hochschulabschluss arbeiten in Ostdeutschland rund vier Stunden mehr als Mütter im Westen.

Babypause? So kurz wie möglich für die Karriere

Teilzeit ist also auch ein Karrierekiller?
Wer mit kinderlosen Frauen und Männern mithalten will, muss Vollzeit arbeiten. Ich halte es für utopisch, dass man in Teilzeit den Aufstieg in eine Führungsposition schafft. Das gelingt nur in Ausnahmefällen. Es würde das Leistungsgefüge durcheinanderbringen, wenn die einen 45 Stunden arbeiten und eine Mutter nur 20 Stunden. Da ist es schwer zu vermitteln, wieso ausgerechnet die, die am wenigsten arbeitet, bei der Beförderung bevorzugt wird.

Was können wir Frauen daraus für die Planung unserer Babypause lernen?
Die sollte am besten so kurz wie möglich sein, wenn man Karriere machen will.

Sie haben nur die ersten zehn Jahre nach dem Examen überprüft. Machen Frauen vielleicht einfach später Karriere?
Das halte ich für unwahrscheinlich. Es gibt bestimmte Zeitpunkte, zu denen man den ersten Schritt gemacht haben muss, um die Karriere voranzutreiben. Man kann nicht alles ewig herauszögern. Es ist schwer vorstellbar, dass Frauen es schaffen, nach einer dreijährigen Mutterpause alles aufzuholen.

Was kann die Familienpolitik ändern?
Die Krippenplätze müssen ausgebaut werden. Das ist der zentrale Punkt, auf den meine Studie hindeutet. Aber das geht natürlich nicht über Nacht. Auch der Effekt setzt nicht sofort ein.

Die Frauenqote bringt also nichts?
Die Frauenquote sehe ich kritisch. Sie wäre eine direkte Diskriminierung von Männern. Es soll ja um eine Erhöhung der Chancengleichheit gehen, mit der Quote beschädigt man sie jedoch. Der Sozialstaat in Deutschland hat über Jahrzehnte bestimmte Rollenbilder als Norm gesetzt und das wird nun bei der Diskussion, wie man Gleichberechtigung schaffen kann, völlig ausgeblendet.
 


Fabian Ochsenfelds Studie

Fabian OchsenfeldDer Aufstieg von Hochschulabsolventinnen in erste Managementpositionen wie Abteilungs- oder Projektleitung scheitert nicht an betrieblicher Diskriminierung, sondern an der geschlechtsspezifischen Wahl von Studienfächern und den Folgen von Mutterschaft, hat der Soziologe Fabian Ochsenfeld in einer in der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" veröffentlichten Studie gezeigt.

Zehn Jahre nach dem Examen erreichen 42 Prozent der Männer eine erste Position mit Leitungsfunktion, hingegen nur 23 Prozent der Frauen. Zu knapp einem Drittel kann dieses deutliche Gefälle durch die Tatsache erklärt werden, dass Frauen und Männer unterschiedliche Fächer studieren. Während Elternschaft bei Frauen die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre nach dem Examen eine erste Managementposition innezuhaben, fast halbiert, sind Kinder für Väter typischerweise nicht mit einem Karriereknick verbunden.

Zur Person

Fabian Ochsenfeld studierte Soziologie, Geschichte und Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und war von 2008 bis 2009 Gaststudent am Department of Sociology der University of California-Berkeley. Seit Januar 2012 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Sozialstruktur und Sozialpolitik der Goethe-Universität Frankfurt.
 

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