Reiseverweigerer
Urlaub in der weiten Welt? Nein, danke! | Foto: Thinkstock/adapt design advertising
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09. Jun 2016

Sebastian Wolking

Work-Life-Balance

Die Reiseverweigerer

Von Menschen, die lieber zuhause bleiben

Reiseverweigerer Falko: "Urlaub ist zum Statussymbol geworden"

"Mich nervt das Reisen an sich, also seinen Hintern von A nach B transportieren zu müssen", sagt Falko Löffler schelmisch. Der 42-jährige Hesse schreibt Drehbücher, übersetzt Texte für Computerspiele, ist Autor alberner Sachbücher, wie er sie selbst nennt. Löffler hat den Schalk im Nacken, aber diese Sache ist ihm ernst.

"Urlaub ist zu einem Statussymbol geworden. Er ist wie ein Thermomix. Man hat gefälligst in Urlaub zu fahren, weil auch die anderen Leute das tun", hat er festgestellt. "Und es soll bitte nicht so eine billige Pauschalreise sein, sondern gewisse Exklusivität mitbringen." Wer das Theater nicht mitmache und lieber zuhause bleibe, werde schräg angeschaut. "Daher plädiere ich für selbstbewusste Reiseverweigerung."

Vor zwei Jahren hat Löffler sogar ein Buch über die ausufernde Reisemanie der Deutschen verfasst: "Bin ich blöd und fahr in Urlaub?" Credo seines Werkes: "Der Weg ist nicht das Ziel, sondern das Problem!" Er selbst outet sich darin als Stubenhocker aus Überzeugung. Denn das Schöne am Nichtreisen sei: "Man hat körperliche und geistige Kapazitäten frei, um sich mit dem zu befassen, wofür man eigentlich brennt."

Falko LöffelerOhnehin, so glaubt er, sei Reisefreude auch Typsache. "Das trifft natürlich nicht auf alle Menschen zu, aber Reisende sind in der Regel eher extrovertiert. Sie suchen neue Erlebnisse, neue Bekanntschaften, und sie möchten sich darüber austauschen. Auch mit Leuten, die sich nicht dafür interessieren, wie der Fisch hieß, der ihnen in Polynesien eine Lebensmittelvergiftung beschert hat," sagt Löffler, der – ganz ins Bild passend – mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in Nordhessen wohnt. "Demgegenüber sind Stubenhocker eher introvertiert und damit automatisch ein angenehmer Umgang, der nicht das Bedürfnis verspürt, dauernd rauszuposaunen, was man alles erlebt hat."
 


Die Fakten:

  • Nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes (DRV) sind die Deutschen im Jahr 2015 mehr als 1,67 Milliarden Tage privat gereist – so viele wie nie zuvor und 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Jeder Deutsche war damit durchschnittlich 20,6 Tage unterwegs, Säuglinge und Greise inbegriffen.
     
  • Das Cashback-Portal Qipu will Mitte 2016 in einer Umfrage herausgefunden haben, dass die Deutschen 2016 insgesamt 62 Milliarden Euro für Reisen ausgeben werden.
     
  • Öko-Reisen sind das neue All-Inclusive: Reisefreude gepaart mit einem guten Gewissen. Das Umweltbundesamt (UBA) aber macht dieses Versprechen rabiat zunichte. "Wer wirklich sehr umweltfreundlich reisen will, reist nach Balkonien, in den Schrebergarten oder macht bei Verwandten oder Bekannten Urlaub", so das UBA auf seiner Homepage. "Mit einer einzigen Flugreise (aber auch mit einer Kreuzfahrt) kann durch nur einen Urlaub eine Summe von 2.000 bis 6.000 kg CO2 emittiert werden. Vielen Reisenden ist dies gar nicht bewusst."
     
  • Eine Erhebung des Statistischen Bundesamts kam vor zwei Jahren zu dem Ergebnis, dass 22 Prozent aller Bundesbürger aus finanziellen Gründen auf Urlaubsreisen verzichten müssen. Im EU-Vergleich aber liegt diese Zahl deutlich höher. 39,6 Prozent der EU-Bürger können sich keinen Urlaub leisten. Für wie selbstverständlich die jährliche Urlaubsreise in Deutschland schon gehalten wird, zeigte vor zwei Jahren auch Katja Kipping von der Linkspartei, die ein Recht auf "Urlaub für alle" forderte.
     

Reiseverweigerer Rainer: "Jede Reise ist eine gigantische Umweltsünde"

Rainer KraußRainer Krauß ist Idealist. "Ich will nicht zerstören, was ich liebe," sagt der Hamburger, der in der IT-Branche arbeitet und sich ehrenamtlich für Greenpeace engagiert. "Ich liebe Wintersport, doch nachdem ich herausfand, dass selbst die innovativsten Skigebiete nur einen Teil ihrer Energie ohne klimaverändernde Emissionen beziehen, habe ich mich entschieden, darauf zu verzichten." Das war Anfang 2013. Der 39-Jährige zog die Konsequenzen, übte Konsum- und eben auch Urlaubsverzicht.

Natürlich, wendet er ein, Reisen bilde, erweitere den Horizont, bringe neue Erfahrungen und führe zu kulturellem Austausch. Aber es ändert ja nichts: Im Prinzip ist jede Reise eine gigantische Umweltsünde. Und außerdem: Wer zuhause bleibe, müsse auf kulturelle Befruchtung ja nicht einmal verzichten. "Es führt dazu, daß ich meine Heimat besser kennenlerne und all die spannenden Dinge entdecke, welche aus der Ferne hierher zu uns gebracht worden sind," sagt Krauß. "Es führt zu einem bewussteren Umgang mit meinen persönlichen Ressourcen."

Statt des alljährlichen Dreiwochentripps gönnt er sich lieber regelmäßige Erholungszeiten – das ganze Jahr über. "Dabei ist auch das Preis-Leistungs-Verhältnis deutlich besser: Zwölf Monate Yogakurs sind günstiger als zwei Wochen All Inclusive-Urlaub," bilanziert er. Als Exot unter lauter Reiseweltmeistern sieht er sich außerdem gar nicht. "Es ist weit verbreitet, dass Programmierer ihren Urlaub zuhause verbringen und sich selbständig fortbilden." Und auch Langeweile plage ihn im grauen Hamburg keineswegs, wenn sich der Rest des Landes auf südlichen Traumstränden oder in trendigen Backpacker-Bars tummelt. Er macht einfach das, was er immer und am liebsten tut: ehrenamtlich helfen, beim Hamburger Marathon zum Beispiel oder in der Flüchtlingshilfe.

Und außerdem: "Der Druck ist weg, das beste, optimalste, tollste, erholsamste Urlaubserlebnis identifizieren zu müssen allein anhand von blumig-übertriebenen Versprechungen in Reisekatalogen."
 

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