Gerade Berufsensteiger übernehmen sich oft und lassen sich ausbeuten
Arbeit, Arbeit, Arbeit - und keine Freizeit mehr? | Foto: Thinkstock/SIphotography
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23. Nov 2017

Janna Degener-Storr

Work-Life-Balance

Gefahr für Berufseinsteiger

Selbstausbeutung

Peter Reitz macht im Leben das, was ihn wirklich begeistert. Gitarre studierte er, um sein Hobby zum Beruf zu machen. Aus Spaß an der Freude fing er bald an, seine Musikschüler auch in Sachen Studien- und Berufswahl zu beraten. Und das führte ihn schließlich zum Psychologie-Studium und der Coaching-Ausbildung, die die Basis für seine spätere Selbstständigkeit bildeten. Leidenschaft, so sagt man, ist der beste Weg zum Erfolg. Bei Peter Reitz führte das dazu, dass er sich vor Aufträgen kaum retten konnte. Er nahm alles an, weil alles spannend war, und merkte kaum, dass die Arbeit ihm eigentlich viel zu viel wurde. Seine Energie schlug in Müdigkeit um, seine Begeisterung in Unlust. War er dafür in die Selbstständigkeit gegangen?

WENN DIE LEIDENSCHAFT ÜBERHANDNIMMT

Auch Maria Georg liebte ihre Arbeit wohl einfach zu sehr. Sie begeisterte sich für ihre Forschungsthemen und sie wollte eine wissenschaftliche Karriere machen. Als sie eine Doktorandenstelle an einer Universität bekam, war sie so glücklich, dass sie nichts mehr in Frage stellte. Sie wusste, dass andere Doktoranden die gleichen Ziele hatten und alles dafür getan hätten, sie zu erreichen. Also tat sie das Gleiche. Sie arbeitete für ein Teilzeitgehalt weit mehr als vierzig Stunden. Auch als sie Mutter wurde und ihr Chef ihr entgegen allen Absprachen lästige Verwaltungsarbeit aufzwang. Die Konsequenz: Sie wurde krank, musste in jeder freien Minute schlafen. Irgendwann wurde ihr klar, dass sie etwas ändern musste.

Freude an der Arbeit und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – das kann etwas Großartiges sein. Viele Menschen wünschen sich die Freiheiten der Selbstständigkeit oder zumindest flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit zum Home Office. Oft vergessen sie aber, dass mit dieser Freiheit auch Verantwortung einhergeht. "Wenn der Arbeitgeber nicht vorgibt, wann man was wo machen soll, dann müssen die Mitarbeiter selbst Grenzen setzen, also erkennen, wann es reicht. Problematisch wird das, wenn die Arbeit kein natürliches Ende hat, wenn zum Beispiel immer noch weitere Aufträge akquiriert und neue Projekte begonnen werden können", sagt die Innsbrucker Psychologie-Professorin Tatjana Schnell. Denn das kann schnell dazu führen, dass etwas anderes Wichtiges auf der Strecke bleibt – Interessen und Hobbys, Familie und Freunde, die Gesundheit und das innere Gleichgewicht. Schwierig wird die Situation auch, wenn Selbstständige in der Gründungsphase finanziellen Druck und Angestellte hohe Konkurrenz spüren. Deshalb geraten Berufseinsteiger besonders häufig in die Gefahr, sich zu verausgaben.

VERANTWORTUNG FÜR SICH SELBST ÜBERNEHMEN

Selbstausbeutung wird dieses Phänomen im Volksmund genannt. Wissenschaftler verwenden lieber den Begriff der interessierten Selbstgefährdung – weil Menschen wie Peter Reitz oder Maria Georg ihre Gesundheit ja durchaus freiwillig und zunächst mit positiven Gefühlen aufs Spiel setzen. "Wir heben hervor, dass die Menschen interessegeleitet handeln, weil sie sich für ihre beruflichen Projekte Erfolg wünschen oder Misserfolg vermeiden wollen. Um diese Ziele zu erreichen, gehen sie über ihre Leistungsgrenzen hinaus und tun Dinge, die nicht gut für sie sind", erklärt Andreas Krause, Professor an der Hochschule für Angewandte Psychologie im Schweizer Olten. Selbst wenn die Auftrags- oder Arbeitgeber ansprechen, dass etwa Arbeiten am Wochenende oder trotz Krankheit gar nicht erwartet werde, ist von den Betroffenen selbst eine Verhaltensänderung häufig gar nicht gewollt.

Dass Wandel durchaus möglich ist, zeigen die Beispiele von Peter Reitz und Maria Georg. Peter Reitz hat inzwischen erkannt, dass er im Job Prioritäten setzen und sich auf Projekte konzentrieren muss, die wirklich Herzenssache sind. Er nimmt Familien-Auszeiten, gönnt sich nach Wochenendterminen einen freien Tag als Ausgleich, schaltet sein Handy abends aus, liest am Wochenende keine beruflichen E-Mails. Zumindest versucht er das. Maria Georg hat sich nach langem Zögern entschieden, in der Wissenschaft zu bleiben. Doch sie arbeitet heute nur noch selten am Abend und verbringt am Wochenende – wenn überhaupt – nur wenige Stunden am Schreibtisch. Außerdem hat sie begonnen, sich ehrenamtlich zu engagieren, was ihr sehr gut tut.
 


WAS TUN, DAMIT DIE ARBEIT NICHT ZUVIEL WIRD?

» Achtsam sein: Was ist mir im Leben wichtig? Tut mir mein eigenes Verhalten gut? Will ich es wirklich? Welche Alternativen habe ich?
» Arbeitsbedingungen aushandeln: Wann darf der Chef oder der Auftraggeber anrufen? Wann muss ich meine beruflichen E-Mails checken und wann nicht?
» Ausgleich suchen: Wann ist Zeit für andere Interessen?
» Unterstützung annehmen: Wer in der Familie oder im Bekanntenkreis warnt mich, wenn ich zu viel arbeite?
 

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