Gleichgeschlechtliche Liebe - immer noch ein Tabu?
Wie tolerant sind deutsche Arbeitgeber wirklich? | Foto:Thinkstock/Kosamtu
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09. Mär 2017

Marie-Charlotte Maas

Work-Life-Balance

Karrierefalle Coming-out?

Queere Kollegen

Keine Toleranz

An den Moment, als er beschließt seine Homosexualität im Arbeitsleben geheim zu halten, erinnert sich Betriebswirt Robert Dadanski auch heute, mehr als zwanzig Jahre nach dem Vorfall, noch ziemlich genau. Nach der Schule beginnt der Norddeutsche zunächst eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und erfährt ziemlich schnell wie die Branche, für die er sich entschieden hat, tickt: "Als ein älterer Mitarbeiter durch einen Zufall herausfand, dass ich auf Männer stehe, legte er mir ziemlich nachdrücklich nahe, dies vor den Kollegen besser zu verschweigen, da diesen die Toleranz für dieses Thema vollkommen fehle."

Robert Dadanski folgt diesem Ratschlag nicht nur – sondern wird davon ganz nachhaltig geprägt: In den folgenden Jahrzehnten versteckt er seine sexuelle Ausrichtung gezielt, auch dann, als er den Arbeitsplatz zwischenzeitlich wechselt. "Auf Nachfragen meiner Kollegen mein Privatleben betreffend machte ich aus meinem Freund einfach eine Freundin und versuchte ansonsten dem Thema weitgehend auszuweichen."

Umfeld reagiert schockiert

Ähnliche Erfahrungen hat auch Mario da Silva gemacht. Als der gebürtige Brasilianer im Jahr 2005 ein Austauschjahr an der Universität Passau verbrachte und seinen Kommilitonen, "vollkommen natürlich und unbedarft" von seiner Homosexualität erzählte, erntete er nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. "Die Leute zeigten sich regelrecht schockiert. Das Thema wurde nach diesem Abend auch nie wieder angesprochen, sondern totgeschwiegen."

Bis heute ist der 31-Jährige vorsichtig geblieben, wenn es darum geht sich außerhalb seines Freundeskreises zu seiner sexuellen Orientierung zu äußern. Kürzlich hat sein Lebensgefährte ihn im Büro abgeholt und einige Kollegen wollten wissen, um wen es sich handele. "Die Reaktionen auf die Tatsache, dass er mein Freund ist, waren total in Ordnung. Auch von denjenigen Kollegen, bei denen ich nicht einschätzen konnte, wie sie mit der Info umgehen würden." Skeptisch ist Mario da Silva trotzdem weiterhin: "Zwar habe ich nie eine direkte Diskriminierung erfahren, aber ich weiß nie, was die Leute wirklich denken. Man kann eben niemandem in den Kopf gucken."

Offenheit nur Lippenbekenntnis

Aus seinem Freundeskreis kennt er solche Unsicherheiten sehr gut, und anders als bei ihm selbst, wurden sie nicht selten durch ganz konkrete Erlebnisse ausgelöst. "Ich habe Bekannte, die seit Jahren in großen Unternehmen arbeiten, auch solchen, die sich das Thema Diversity auf die Fahnen schreiben, aber sich bis jetzt nicht getraut haben, sich zu outen. Viele benutzen in sozialen Netzwerken sogar verdeckte Accounts, damit die Kollegen nicht zu viel über ihr Privatleben erfahren." Die Offenheit der Arbeitgeber finden sie, sei oftmals nur ein Lippenbekenntnis.

Tatsächlich bestätigen auch Studien diesen Eindruck: Zwar werben deutsche Unternehmen mit Diversity-Programmen und schreiben sich Offenheit und Toleranz auf die Fahnen, doch die Wahrheit sieht oft ganz anders aus: Das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Karlsruhe unter fast 400 zumeist schwulen und lesbischen Arbeitnehmern beispielsweise ergab, dass zwar gut zwei Drittel im beruflichen Umfeld geoutet sind und nur 13 Prozent ihre sexuelle Orientierung gegenüber den Kollegen verheimlichen, Diskriminierung am Arbeitsplatz aber dennoch weit verbreitet sind: Einer von vier befragten Homosexuellen gab an, dass sich die eigene sexuelle Identität negativ auf die Karriere ausgewirkt habe. Einer von drei berichtet sogar von konkreten Diskriminierungserfahrungen. Unter Transpersonen sind es sogar zwei Drittel. Am meisten beklagen sich die Befragten über Mobbing und Belästigung.

Schwul sein als Nachteil

Auch Robert Dadanski und Mario da Silva sind überzeugt davon, dass die sexuelle Orientierung ein Stolperstein in der Karriereplanung sein kann. Robert Dadanski ist das mittlerweile gleichgültig. Der 38-Jährige Betriebswirt geht heute ganz offen mit seiner Homosexualität um, was Chefs und Kollegen davon halten, kann ihm egal sein: Er hat sich zusammen mit seinem Lebensgefährten selbstständig gemacht. "Jetzt sind wir auf der Suche nach heterosexuellen Mitarbeitern – wir wollen ja schließlich niemanden diskriminieren", sagt er und lacht.  
 


Konkrete Verhaltenstipps

Was Dominic Frohn vom Institut für Diversity- & Antidiskriminierungsforschung homosexuellen Arbeitnehmern rät. Ein Kurz-Interview

Muss ich mich outen?
Es gibt keinen Zwang, sich zu outen, weder im Kollegenkreis noch vor Führungskräften, allerdings bringt ein offener Umgang am Arbeitsplatz im Mittel eine höhere Arbeitszufriedenheit und weitere positive Effekte: Nicht zuletzt setzt Authentizität am meisten Energie frei. Allerdings kann es auch Dominic Frohn vom Institut für Diversity- & Antidiskriminierungsforschung | Foto: privat  Diskriminierung geben, sodass es immer eine persönliche Abwägung ist.

Wie gehe ich vor?
Es lohnt sich, das System, in dem man arbeitet ein wenig zu checken: Hat mein Arbeitgeber Anti-Diskriminierungs-Richtlinien oder gibt es ein Diversity Management, das die sexuelle Identität als Dimension berücksichtigt? Finde ich Vorbilder im Unternehmen, ein LSBT-Mitarbeiter-Netzwerk (LSBT steht für  Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, Anm. d. Red)? Und vor allem: Wie ist denn mein eigenes Standing im Umgang mit dem Thema? In jedem Fall kann Beratung oder Coaching hier helfen, für sich mehr Klarheit zu finden.

Kann man mich zwingen, Kunden gegenüber meine sexuelle Identität zu verstecken?
Solche Anweisungen sollte man sich schriftlich geben lassen und sich dann direkt an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Die eigentliche Frage ist jedoch: Kann so etwas das richtige Unternehmen für mich sein?

Welche Anlaufstellen können mir beim Coming-out helfen?
LSBT-Mitarbeiter-Netzwerke oder Diversity-Abteilungen (bei größeren Unternehmen), spezialisierte Berater oder Coaches oder Beratungszentren in LSBT-Selbstorganisation, wie z.B. der Völklinger Kreis, die Wirtschaftsweiber oder weitere LSBT-Verbände.
 

>> Diversity Management: Vorsprung durch Vielfalt

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