Unzulänglichkeiten unserer Hirns können sogar helfen, meint Neurobiologe Henning Beck.
Ungewöhnliche Dinge können wir uns besonders gut merken. | Foto: StockSnap/Startup Stock Photos
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31. Mai 2017

Birk Grüling

Work-Life-Balance

Neurobiologe Henning Beck: "Ideen kann man nicht googlen"

Irren ist nützlich

UNICUM: Ist es in Ordnung, wenn ich mir keine Telefonnummern merken kann oder schon mal die PIN an der Supermarktkasse vergesse?
Henning Beck: Ja, solange es sich im Rahmen hält. Kleinigkeiten im Alltag zu vergessen, macht unser Gehirn besonders gerne. Es opfert Details und unnütze Erinnerungen für das Verständnis des großen Ganzen. Ich kann mir zum Beispiel die Telefonnummer meiner Schwester nicht merken. Das ist auch nicht schlimm, dafür habe ich ja mein Smartphone. Viel wichtiger ist es zu wissen, wann ich sie mal wieder anrufen muss.

Warum erinnere ich mich an bestimmte Dinge besonders gut?
Wir merken uns Dinge besonders gut, wenn sie ungewöhnlich sind. Das Hirn ist neugierig und liebt es, Sachen in Schablonen und Muster zu ordnen. Dabei ist es ständig auf der Suche nach neuen Informationen. Das unterscheidet unser Gehirn auch maßgeblich von künstlicher Intelligenz. Heutige Computer können nur das gut, was unser Gehirn schlecht beherrscht – zum Beispiel viele Dinge abspeichern oder sortieren. Sie geben schnelle Antworten und befolgen Regeln. Aber wir können etwas viel Besseres, nämlich die richtigen Fragen stellen, Regeln brechen und kreativ sein.

Wenn die Technik das Abspeichern von Informationen übernimmt, haben wir dann mehr Platz im Gehirn?
Auf jeden Fall verändert sich unser Denken. Das ist erst einmal sehr positiv. Vielleicht wurde noch nie so viel erfunden und entdeckt wie heute. Wichtige Gründe dafür sind natürlich die schnelle Verfügbarkeit von Wissen und die Möglichkeit, sich mit vielen anderen Menschen über Probleme auszutauschen. Was etwas auf der Strecke bleibt, ist das Gefühl für die Kostbarkeit des Wissens – denn Ideen kann man nicht googeln. 

Begünstigen die Fehler des Gehirns auch Kreativität?
Kreativität ist die Lösung von Problemen auf eine neue Art und Weise. Und das beginnt aus meiner Sicht mit Unzufriedenheit, dem Ausprobieren und Scheitern. Deshalb kann man neue Ideen auch schlecht planen, sondern höchstens anlocken. Dafür muss man sich sehr intensiv mit dem Problem beschäftigen und sich richtig festbeißen. Erst wenn man völlig genervt ist, sollte man eine Denkpause einlegen. Dann stehen die Chancen auf eine gute Idee gar nicht schlecht.

Wie nutze ich diese Erkenntnisse für das Lernen oder den Arbeitsalltag?
Wir sollten uns beim Lernen stärker auf das Verstehen von Zusammenhängen konzentrieren. Unser Gehirn kann jede Menge vergessen, aber nichts "entverstehen". Das Verstehen fördern wir durch Pausen, in denen unser Gehirn die neuen Informationen verarbeitet. Das gilt natürlich auch für unseren Arbeitsalltag. Eine Kombination aus bewussten Denkpausen, konzentriertem Arbeiten und dem Austausch mit Kollegen ist eine gute Voraussetzung, um neue Ideen zu entwickeln und produktiv zu sein.


Über den Autor

Henning Beck wurde 1983 an der südhessischen Bergstraße geboren und studierte Biochemie in Tübingen. Nach seinem Diplom-Abschluss promovierte er an der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience. Er arbeitete an der University of California in Berkeley, schreibt für die Wirtschaftswoche und das GEO-Magazin, hält Vorträge und Workshops zu Themen wie "Neurobiologie und Kreativität" und hat schon mehrere Science Slams gewonnen. Sein Buch "Irren ist nützlich" erschien 2017 bei Hanser.

 

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