Jobkiller Industrie Roboter
Das Weltwirtschaftsforum prognostiziert ein massives Jobsterben | Foto: Thinkstock/svedoliver
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26. Feb 2016

Marc Wiegand

Karriere-News

Jobkiller Industrie 4.0?

Welche Arbeitsplätze durch die zunehmende Automatisierung in Gefahr sind

Industrie 4.0 verursacht gegenläufige Effekte

UNICUM: Professor Stowasser, wie realistisch ist das Horror-Szenario des Weltwirtschaftsforums?
Stowasser: Zunächst einmal sollte man beachten, wie die Zahlen zustande gekommen sind: Für die Studie wurden vorrangig Manager befragt, die eine bestimmte Zukunftsvision im Kopf haben. Wir haben dagegen rund 500 Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie angesprochen und nur ein Drittel von ihnen hatte eine konkrete Vorstellung davon, wie die Vision Industrie 4.0 überhaupt in die Praxis umgesetzt werden kann. Bis 2020 wird also gar nicht so viel passieren.

Sie setzen also ein dickes Fragezeichen hinter die fünf Millionen verlorenen Jobs?
Ein ganz dickes sogar. Selbst wenn wir in Deutschland von heute auf morgen alles, was technisch irgendwie geht in der Industrie digitalisieren würden, könnten wir nicht in diese Dimensionen vorstoßen. Für so eine Revolution müssten unsere Mittelständler umgehend etliche Millionen Euro investieren. Dafür haben sie auf der anderen Seite aber gar keine Investitionssicherheit. Denn niemand garantiert ihnen, dass alles effektiver und besser wird und sie ihre Investitionen solide refinanzieren können.

Wie viele Jobs stehen denn Ihrer Meinung nach auf der Kippe?
Ich beschäftige mich wirklich intensiv mit dem Thema, tausche mich regelmäßig mit Experten und Praktikern aus, aber es lässt sich derzeit einfach keine seriöse Aussage dazu treffen.

Warum ist das so schwierig?
Es liegt an zwei gegenläufigen Effekten: Auf der einen Seite werden durch die Digitalisierung sicherlich in manchen Bereichen Arbeitsplätze verschwinden. Auf der anderen Seite kommen aber auch neue Aufgaben und Berufsbilder hinzu. Es geht um Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die wir uns heute noch gar nicht im Detail vorstellen können. Wer etwa dachte denn schon vor fünfzehn Jahren an Datenbank-Spezialisten und App-Programmierer? Wir können heute einfach noch nicht genau sagen, welcher der beiden Effekte wie stark zum Tragen kommen wird.

Welche Technologien haben denn das Potential eine größere Zahl an Arbeitsplätzen zu verdrängen?
Auf der Produktionsseite ist es vor allem der 3D-Druck, der die Wertschöpfungskette dramatisch verändert und das werden in erster Linie die Zulieferer von Großunternehmen zu spüren bekommen. Schauen sie nur mal auf Airbus, das den Anteil der Eigenfertigung von 0 auf satte 10 Prozent erhöhen will. Große Veränderungen bringen außerdem die zunehmende Roboterisierung und natürlich die Cybertechnologie: wenn wir in Echtzeit überall hin Daten übermitteln können, hat das logischerweise Konsequenzen.

Ingenieure profitieren von Industrie 4.0

Über welche Zeithorizonte reden wir dabei?
Es wird nicht alles auf einen Schlag passieren. Die Entwicklung wird eher wie eine Evolution ablaufen. Diese ist jedoch bereits angestoßen, denn es gibt bereits kleine Einheiten und Leuchttürme der Digitalisierung. Ich denke, dass die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette und aller Zulieferer aber noch mindestens zehn Jahre dauern wird.

Inwieweit wird diese Evolution die Arbeit von Ingenieuren und IT-Fachleuten tangieren?
Da sind sich alle Experten einig: Diese Berufssparten gehören zu den absoluten Gewinnern der Entwicklung. Daher kann man auch nur jedem jungen Menschen raten, in diese Bereiche zu gehen. Wir brauchen wissensintensive Ingenieur-Dienstleistungen und fundiertes IT-Know-how. In diesen Segmenten wird es eine Fülle an neuen Dienstleistungen und Geschäftsmodellen geben. Der Bereich des autonomen Fahrens ist ein Parade-Beispiel dafür.

Und wer gehört zu den Verlierern?
Da sind vor allem die niedrigqualifizierten Arbeitnehmer zu nennen. Zunehmend werden Roboter ihre Tätigkeiten im Produktionsbereich übernehmen. Möglicherweise können auf diese Weise aber auch an einigen Stellen die Folgen des demografischen Wandels abgemildert werden. Grundsätzlich können unkreative und standardisierte Tätigkeiten schnell auf die IT übertragen werden und machen somit den menschlichen Mitarbeiter obsolet. Das kann die Buchhaltung oder etwa die Auftragsabwicklung betreffen.

Dann stellt sich aber noch die Frage, ob alles, was rein technisch möglich ist, auch tatsächlich gemacht wird.
Genau. Die Frage ist, wie sich Arbeitgeber und Gewerkschaften, die gerade in unserem Lande eine starke Position haben, verhalten werden. Die Technikforschung ist schon viel weiter als die tatsächliche arbeitspolitische Diskussion und die darf man in einem Sozialstaat nicht vernachlässigen. Die Mitarbeitermitbestimmung wird man nicht einfach so vom Tisch wischen können.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die starke Zuwanderungswelle, die wir gerade erleben?
Wenn wir davon ausgehen, dass die Qualifikation der meisten Flüchtlinge nicht so hoch ist, wie das anfangs vermutet wurde, wird sehr viel an Qualifizierung zu leisten sein. Wobei auch dabei die Digitalisierung helfen kann – etwa wenn ein Arbeiter eine Datenbrille nutzt, die ihn in seiner Heimatsprache instruiert. Ob wir aber in diesen Bereichen genügend Arbeitsplätze haben, möchte ich angesichts eines tendenziell schon heute gesättigten Arbeitsmarktes bezweifeln. Es wird also nicht einfach.

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