Heike Kielstein Professor des Jahres
Junge Studentinnen sollten sich selbst noch viel mehr zutrauen! | Foto: Thought Catalog/Unsplash
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02. Jul 2018

Jennifer Schreder

Professor des Jahres

"Eine Frau kann nicht alle Rollen zu 100 Prozent erfüllen"

Professorin Heike Kielstein im Interview

Wissenschaftlerinnen brauchen mehr Selbstvertrauen!

UNICUM: Lediglich 23 Prozent der Professuren an deutschen Hochschulen sind weiblich. Wie schätzen Sie als Professorin diese Situation ein? 
Prof. Kielstein: Ich denke, dass es dafür verschiedene Gründe gibt. Was mir besonders auffällt, ist, dass sich junge Studentinnen und Wissenschaftlerinnen häufig viel weniger zutrauen. Es fehlt ihnen das Selbstvertrauen, sich für ein Stipendium, ein Auslandssemester oder auch experimentelle Doktorarbeiten zu bewerben. Man muss sie wirklich ermutigen, diese Wege zu gehen.

Außerdem haben Frauen für sich auch die Frage "Wie soll mein Leben aussehen?" zu klären. Ob ich nun Ärztin, Ehefrau, Mutter oder Wissenschaftlerin sein will, mir muss klar sein, dass ich nicht alle Rollen zu 100 Prozent erfüllen kann.

Welche persönlichen Erfahrungen konnten Sie in Bezug auf das Thema Chancengleichheit in der Lehre machen?
Ich persönlich bin auf meinem Karriereweg nie ausgebremst worden – weder von Männern noch Frauen. Trotzdem mache ich Abstriche, vor allem bei mir selber.Ich leiste mir keine Hobbys und auch für meine Familie steht mir weniger Zeit zu Verfügung.

Als Institutsleitung hat man mit Arbeit und Familie nun mal keinen 12-Stunden-Tag, sondern eher einen 16-Stunden-Tag. Da bleiben lediglich acht Stunden für Schlaf und eigene Belange übrig. Aber diese Entscheidung muss jede Frau für sich treffen. Dann ist Unterstützung in Form eines Mentorings oder auch durch engagierte Chefinnen und Chefs durchaus sinnvoll.

Medizin NC: Ein ausgewogenes Auswahlwahlverfahren ist nötig

Derzeit wird sehr viel über die Zulassung zum Medizinstudium über den Numerus clausus beziehungsweise die Abiturnote diskutiert. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?
Ich freue mich über diese Auseinandersetzung, denn sie ist wichtig. Deshalb sollte man das Abiturzeugnis auch nicht komplett außer Acht lassen. Ein gutes Auswahlverfahren vereint meiner Meinung nach eine Kombination aus Abiturnote, eventuell einem Medizinertest und einem subjektiven Auswahlgespräch.

Toll wäre, wenn auch ein Studierender mit in einem solchen Auswahlgremium säße. So könnte eine sehr persönliche Auswahl getroffen werden, die ich besonders für den Beruf des Mediziners begrüßen würde. So könnte auch jemand, der kein gutes Abi hat, dessen Einstellung zum Medizinerberuf aber durch ein freiwilliges soziales oder auch wissenschaftliches Jahr sehr differenziert ist, ein Medizinstudium beginnen. Der NC ist teilweise ja wirklich absurd. Auch wenn er belegt, dass ein Mensch sehr fleißig und bereit ist, viel zu lernen. Und wenn wir ehrlich sind – das brauchen Medizinstudierende.

"Studierende sollten gutes Zeitmanagement beherrschen"

Haben Sie konkrete Lerntipps, die Sie Ihren Studierenden geben?
Damit der Lernstoff auch über längere Zeit wirklich hängen bleibt, braucht es mehrere Unterbrechungen. Was ich Studierenden in lernintensiven Studiengängen deshalb rate, ist gutes Zeitmanagement. Sich etwas kurz vor dem Schlafengehen nochmal anzuschauen, funktioniert auch sehr gut. Außerdem sollte man sich gezielt fokussieren und möglichst strukturiert lernen.

Ansonsten sollten Studierende einfach die Freiräume bekommen, so zu lernen, wie sie es am besten können. Wenn es auf dem Balkon, in der Bibliothek oder im Hörsaal ist, dann ist es eben da.

Über Professorin Dr. med. Heike Kielstein

Heike Kielstein Porträt Heike Kielstein belegte 2017 den ersten Platz beim "Professor des Jahres 2017" in der Kategorie Medizin/Naturwissenschaften.

Statt wie geplant Chirurgin zu werden, wagte sie 1997 den Weg in die Lehre und arbeitet heute als Anatomie-Professorin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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