Start-up-life und Konzernalltag im Vergleich
Startup vs. Konzern: Wer gewinnt den Kampf um deine berufliche Zukunft? | Foto: Thinkstock/Voyagerix
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17. Feb 2016

Gastbeitrag

Start-up & Selbstständigkeit

Startup-Life vs. Konzernalltag

Zwei Modelle im Vergleich

'Prototyping' vs. etablierte Strukturen

Wer in einem Startup arbeitet, ist gefordert, ständig zu improvisieren. Es gibt kaum festgeschriebene Prozesse, auf die man sich in der täglichen Arbeit berufen kann. Das fördert allerdings auch die Fähigkeit, in kurzer Zeit kreative Lösungswege zu entwickeln.

Im Startup müssen die Dinge oft schnell gehen. Das Produkt in seiner ursprünglichen Form kommt nicht an oder eine eingeschlagene Richtung erweist sich als falsch? Dann gilt es, diese Dinge zu ändern. Weder Geld- noch Zeitfresser laufen einfach so weiter, weil das halt irgendwann einmal so entschieden wurde. Schließlich könnten sie über Erfolg oder Misserfolg des gesamten Unternehmens entscheiden.

Hinzu kommt, dass Mitarbeiter eines Startup-Unternehmens – manchmal aufgrund finanzieller Engpässe oder aus Zeitnot – bei Problemlösungen erfinderisch werden. Wer nicht auf klar dokumentierte Vorgänge oder scheinbar unerschöpfliche Geldmittel zurückgreifen kann, der wird kreativ und bastelt sich seine Lösung – im Konzern undenkbar.

Gerade für Berufsanfänger ist das eine sehr spannende Möglichkeit, schnell viel Erfahrung zu sammeln und eigene Ideen einzubringen. Insbesondere in jungen Startups mit kleinen Teams hat meist jeder Mitarbeiter das Gefühl, durch seine Arbeit einen echten Anteil am Fortschritt des Produktes und Erfolg des Unternehmens zu haben. Damit geht ein hohes Maß an Freiheiten im eigenen Feld einher.

"Du ownst deinen Bereich" hat sicherlich schon jeder einmal gehört, der für ein Startup arbeitet. Doch diese Arbeitsweise erhöht auch den Druck auf Mitarbeiter und natürlich die Arbeitsgeschwindigkeit. Während manch einer an dieser Herausforderung kontinuierlich wächst, kann es den anderen schnell überfordern. Klare Strukturen, Prozesse und Zuständigkeiten im Konzern können das abfedern und gerade Neulingen mehr Zeit geben, sich erst einmal in ihren Bereich einzuarbeiten.

Zurufkommunikation vs. Bürokratie

Es ist nicht so, als ob es im Startup keine Meetings gäbe. Doch sie sind deutlich seltener, die meisten Dinge bespricht man schnell am Arbeitsplatz oder – ganz beliebt – auf diversen Online-Tools und -Chats wie Asana, Trello, Slack und Co. Das heißt: Mehr Zeit für die eigentliche Arbeit und weniger zeitfressende Sitzungen.

Auch lange Entscheidungswege und aufwändige bürokratische Prozesse fallen weg, das Unternehmen wird agil, wie es so schön heißt. In manchen Fällen kann dies jedoch auch mangelnde Professionalität zur Folge haben. Wie bestimmte Dinge zu handhaben und zu erledigen sind, ist meist nirgendwo oder nur unzureichend festgehalten. Man macht einfach. Aufgaben und Ergebnisse sind oft nicht sorgfältig dokumentiert – neue Mitarbeiter oder Kollegen, die andere Bereiche übernehmen, müssen häufig ganz von vorne anfangen.

Im Konzern gibt es nicht nur klare Strukturen und Vorgaben für Arbeitsprozesse. Es gibt immer auch Verantwortliche, an die man sich bei Fragen und Unklarheiten wenden kann. Und die am Ende noch einmal einen prüfenden Blick auf die erledigte Arbeit werfen und somit sicherstellen, dass alles seine Richtigkeit hat.

Allerdings dreht einem im Startup auch niemand aus Fehlern einen Strick – zumindest solange nicht, wie ein Fehler nicht wiederholt wird.
 


karriere im konzern oder startup


Heterarchie vs. Hierarchie

Auch wenn es abgedroschen klingt, in Startups herrschen in der Regel flache Hierarchien. Es wird gedutzt und freitags kann durchaus auch mal mit dem Chef ein Bier getrunken werden. Neben einem lockeren Umgang untereinander wird jedem Mitarbeiter hohes Vertrauen ausgesprochen.

Flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice? Im Startup kein Problem – solange die Leistung stimmt und die Dinge erledigt werden. In einem kleinen Team ist das leicht umzusetzen. Doch es ist auch Teil der Unternehmenskultur. Schon im Bewerbungsgespräch versuchen Startups herauszufinden, ob Mitarbeiter zu dieser Kultur passen und das gewährte Vertrauen nicht ausnutzen.

Flache Hierarchien bedeuten allerdings auch, dass es keine geregelten Prozesse für neue Mitarbeiter gibt und Berufsanfänger ziemlich ins kalte Wasser geschmissen werden. Zu "Own your Project" gehört auch "Komm alleine zurecht".

Im Konzern hingegen warten Vorgesetzte und bestens organisierte Personalabteilungen auf dich, die dich nicht nur einführen, sondern auch in der Zukunft deine Ansprechpartner bei allen Fragen rund um deine Arbeit und bestimmte Abläufe sind.

Leistung vs. Politik

Ein Tipp für das Arbeiten im Konzern: Identifiziere die Personen, die deine Karriere fördern könnten. Finde heraus, wer welchen Einfluss worauf besitzt und wie du dir das für deine Karriere zunutze machst. Im Konzern wird knallhart Politik betrieben. Das bedeutet: netzwerken innerhalb des Unternehmens und innerhalb der Abteilungen. Die eigene berufliche Entwicklung ist so jedoch stark von Beziehungsgeflechten abhängig.

In jungen Unternehmen hingegen spielt das keine Rolle. Die Dinge müssen angepackt werden und das schnell mit Bestleistung. Denn in kleinen Teams kommt es auf die Arbeit jedes Einzelnen an. Statt dich nach dem Mittagessen beim Kaffee mit (manchmal vermeintlichen) Entscheidungsträgern auszutauschen, gehst du zurück an deine Arbeit. Dieser Fokus auf die eigene Leistung bringt mit sich, dass du dir stets die Lorbeeren für deine Arbeit abholen kannst. Niemand stiehlt dir die Show, indem er eine Leistung, deren Urheber sowieso niemand so genau erkennt, als seinen Erfolg verkauft.

Die Schattenseite: Wer sich den verdienten Lob für gute Ergebnisse abholt, muss auch für Fehler und Misserfolge gerade stehen. Da gibt's im Startup kein Pardon.

Risiko vs. Sicherheit

So attraktiv Schnelligkeit und Improvisation sind, so sehr können sie auch verunsichern. Die Horizonte in Startups sind deutlich kürzer: Eine Entscheidung, die heute gefällt wurde, kann morgen schon wieder hinfällig sein. Das wirkt sich bis auf die Arbeit des Einzelnen aus. Während eine Aufgabe an einem Tag oberste Priorität besitzt, ist sie am nächsten Tag plötzlich nicht mehr relevant. Haben sich bestimmte Strategien als nicht erfolgsversprechend erwiesen, werden sie verworfen. Mitunter kann der eigene Arbeitsplatz in Gefahr geraten – weil die Position möglicherweise obsolet geworden ist.

Der Konzern hingegen bietet Planungssicherheit. Planungen für das gesamte Unternehmen werden lange im Voraus fertiggestellt und bis auf die kleinste Ebene des Konzerns heruntergebrochen. Die meisten Mitarbeiter wissen somit recht genau, womit sie sich in den nächsten Monaten beschäftigen werden.

Im Startup kommt die finanzielle Unsicherheit hinzu. Die meisten jungen Unternehmen sind auf externe Investoren angewiesen, nicht selten über Jahre hinweg. Wenn sie es nicht schaffen, entweder Umsätze in einer gewissen Höhe zu generieren oder eine Folgefinanzierung einzuholen, stehen Arbeitsplätze schnell auf dem Spiel.

Unbefristete Verträge bekommt man als Startup-Mitarbeiter kaum zu Gesicht, häufige Jobwechsel innnerhalb der Szene sind keine Seltenheit. Auch die Verdienstmöglichkeiten sind im Startup begrenzt. Die meisten Mitarbeiter erhalten ein Gehalt deutlich unter Marktniveau.

Im Konzern fallen nicht nur die Löhne höher aus, Angestellte dürfen oft auch Zusatzzahlungen wie etwa Urlaubs- oder Weihnachtsgeld erwarten. Wer risikoscheu ist oder möglicherweise eine Familie ernähren muss, der kann im Konzern Netz und doppelten Boden erwarten – im Startup fehlt das.

Der Arbeitsalltag im Startup und im Konzern unterscheiden sich grundlegend, mit Vor- und Nachteilen für beide Modelle. Wer sich zwischen einer Stelle in einem jungen Unternehmen und einer etablierten Firma entscheiden kann, der sollte sich darüber klar werden, welche Arbeitsweise ihm mehr entgegen kommt.
 


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