Boreout: Gelangweilt am Arbeitzplatz
Foto: Thinkstock/Tobias Machhaus
Autor

15. Dez 2016

Marc Wiegand

UNICUM Karriere-Kompass

Boreout: Gefährliche Unterforderung!

Laaaaaaaaaaangweilig!

Tag ein Tag aus...

Keine Anrufe oder E-Mails. Gähnende Leere in Ablagen und Termin-Kalender. Nie platzt jemand ins Büro und hat einen wichtigen Auftrag. Und das geht jeden Tag so.

Was im ersten Augenblick wie der weltbeste Job anmutet, entpuppt sich im Alltag als purer Horror: die quälende Langeweile und Unterforderung auf der Arbeit, kurz Boreout genannt. Dieses Phänomen ist quasi der hässliche und noch weitgehend Unbekannte Bruder des Burnouts.

Parallelen zum Burnout

"Die physischen und psychischen Folgen beider Krankheitsbilder sind fast identisch und auch bei den Ursachen gibt es Parallelen", erklärt der Unternehmensberater und Boreout-Experte Peter R. Werder. Während der Ausgebrannte unter einer Überforderung durch zu viel Arbeit ächzt, ist der Boreout-Betroffene ebenfalls überfordert – und zwar damit, viel zu wenig Arbeit zu haben.

"Viele finden das auch zu Beginn ganz nett", so Werder. "Aber mit der Zeit macht ihnen die quantitative oder auch qualitative Unterforderung mehr und mehr zu schaffen." Es wachse das Gefühl, nicht gehört zu werden und nicht wichtig zu sein, gepaart mit einem anschwellenden schlechten Gewissen.

"Der Knackpunkt ist, dass in unserer Leistungsgesellschaft so ein Problem nicht nach außen kommuniziert werden kann", sagt Werder. Nachdem der Kumpel beim Feierabend über sein überbordendes Überstunden-Konto geklagt hat, will niemand erzählen, dass man selbst schon vor der Mittagspause alles erledigt hatte. "Die Betroffenen sehen keinen anderen Ausweg und verstecken Ihre Unterforderung. Auf diese Weise entsteht ein immenser Druck, immer so tun zu müssen, als wäre man gut beschäftigt."

Abstruse Täuschungsmanöver

Die Strategien, sein Nichtstun zu verschleiern, können abstruse Züge annehmen, wie der Experte zu berichten weiß: Da ist der Kollege, der morgens immer der erste im Büro ist. Da ist der Kollege, der stets besonders geräuschvoll und energisch in seine Tastatur haut. Und da ist der Kollege, der in seinem prallgefüllten Aktenkoffer anstelle Unmengen wichtiger Unterlagen nur Äpfel und Birnen spazieren trägt. Und natürlich biete auch der PC viele Ablenkungs- und Verschleierungsmöglichkeiten.

Wie verbreitet dieses kuriose Phänomen ist? Der Experte schätzt, dass insbesondere bei Banken, Versicherungen und Verwaltungen bis zu 15 Prozent der Angestellten in starker oder minder schwerer Form betroffen sein könnten. Und einen Boreout wird man auch nicht ohne Weiteres wieder los: "Je länger man das Versteckspiel betreibt, desto schwieriger wird es, damit aufzuhören. Die Betroffenen fürchten den Vorwurf, sie hätten viel zu spät Alarm geschlagen. Das ist ein regelrechter Teufelskreis", meint Werder.

Ähnlich wie der Burnout kann auch der Boreout unterschiedliche Symptome wie etwa Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen verursachen und im Extremfall bis zur Berufsunfähigkeit führen.

Wirtschaftlicher Schaden beim Arbeitgeber

Schäden entstehen durch die unausgelasteten Arbeitskräfte aber auch beim Arbeitgeber: "Diese kalkulieren etwa damit, dass Angestellte eine Stunde am Tag nicht direkt mit ihrer Kernarbeit verbringen. Wenn aber jemand vier Stunden quasi nichts tut, durchschießt das jedwede Kalkulation und ist hochgradig unwirtschaftlich." Daher sei es auch eine Management-Aufgabe, Mitarbeiter mit massiven Leerlaufzeiten aufzuspüren.

Passiert dies nicht und kann sich der Angestellte aus Angst vor etwaigen negativen Konsequenzen selbst nicht überwinden, das Fehlen adäquater Aufgaben anzuprangern, so sind andere Maßnahmen gefragt: "Da muss man an die Eigenverantwortung der Betroffenen appellieren. Vielleicht gibt es irgendwo beim Arbeitgeber einen bekannten Engpass und man bittet dort initiativ seine Mithilfe an. Und natürlich sind auch Fort- und Weiterbildungen, die später zu einem anderen Aufgabenzuschnitt führen, ein probates Mittel." Als Notlösung sei auch immer auch einen Job-Wechsel in Betracht ziehen, so der Experte.

Berufseinsteigern rät Werder, bereits die Stellenausschreibungen genau zu analysieren und dann im Bewerbungsgespräch konkret nach den einzelnen Aufgaben und den dafür zur Verfügung stehenden Zeitbudgets zu fragen. "Da muss man dann auch ehrlich zu sich selbst sein: Wenn man von vorneherein das Gefühl hat, mit einem viel zu großen Zeitpolster ausgestattet zu sein, lässt man besser die Finger von diesem Job."
 


Der Autor

Marc Wiegand ist verantwortlicher Redakteur unseres Karrieremagazins UNICUM BERUF. Damit ist er Dein direkter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Themen Berufseinstieg und Karriere. 

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