Junge Frau krank am Arbeitsplatz
Foto: Thinkstock/Tobias Machhaus
Autor

05. Aug 2016

Marc Wiegand

UNICUM Karriere-Kompass

Dick erkältet ins Meeting?

Wann krank sein okay ist

Krank auf die Arbeit?

Hust, schnupf, röchel. Mit Beginn des Novembers startet die Erkältungssaison langsam in ihre Hochphase. Taschentücher und Nasensprays zieren immer mehr Schreibtische und nicht selten höre ich im Nachbarbüro einen Kollegen lauthals niesen. Wenn es einen dann mal selbst erwischt hat, steht man schnell vor einer undankbaren Abwägungsaufgabe: Geht?s dennoch zur Arbeit oder nimmt man sich eine Auszeit zum Auskurieren?

Fieber ist ein klares Zeichen

Dr. Walter Dresch, Allgemein- und Arbeitsmediziner aus Köln, hat dazu eine klare Meinung: "Wer abends über 39 Grad Fieber hat, sollte am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen." Dies könne man durchaus als Faustregel nehmen. "Denn wenn man Sachen verschleppt, zahlt man im Endeffekt doppelt und dreifach. Aus einer Mandelentzündung, die streut, kann beispielsweise durchaus auch eine Herzmuskel-Entzündung entstehen – und dann wird?s brenzlig."

Grundsätzlich sei es aber mit pauschalen Empfehlungen schwierig, es müsse immer der Einzelfall betrachtet werden, so Dresch. "Bei wem sich das Kratzen im Hals in der Regel zur dicken Angina entwickelt, der sollte sich schon bei den ersten Symptomen eine Auszeit nehmen, damit es im Endeffekt nicht so heftig wird." 

Die individuelle Arbeitssituation betrachten

Nach Ansicht des Mediziners sollte man auch immer die konkreten Arbeitsbedingungen beachten: "Wer viel telefonieren und sprechen muss, für den ist eine heisere Stimme sicher ein Grund zu Hause zu bleiben. So jemanden würde ich auch direkt krankschreiben", sagt Dresch. "Im Falle eines Bänderrisses könnte man hingegen – wenn technisch möglich – durchaus zu Hause vom Schreibtisch aus etwas arbeiten." 

Wer grundsätzlich an jedem Krankheitstag von einem schlechten Gewissen geplagt wird, der sollte sich auch mal die ökonomischen Zusammenhänge vor Augen halten: Aus wirtschaftlicher Sicht macht es jedenfalls keinen Sinn, krank zur Arbeit zu gehen, wie eine Studie von Strategy& (ehemals Booz & Company) belegt. "Die Unternehmen zahlen dann im Endeffekt doppelt so viel, als wenn sich ein Mitarbeiter zunächst auskurieren würde", sagt Rolf Fricker, einer der Studienautoren und Partner bei Strategy&. So belaufen sich die Kosten für die Fehlzeiten von Erkrankten auf etwa 1200 Euro pro Mitarbeiter im Jahr, während hingegen die versteckten Kosten von kranken Mitarbeitern, die trotzdem arbeiten, bei rund 2400 Euro liegen.

Kranke Kollegen wirken mehrfach negativ

Wie das sein kann? Laut Studie gibt es zum einen den so genannten Multiplikator-Effekt: Ein kranker Mitarbeiter gibt im Büro Viren oder Bakterien an seine Kollegen weiter, so dass diese ebenfalls erkranken. "Und natürlich ist die Produktivität eines unfitten Mitarbeiters viel niedriger als eines Kollegen im gesunden Zustand. Gleichzeitig steigt die Fehlerwahrscheinlichkeit", so Fricker. Außerdem könne ein kranker Mitarbeiter mit seiner gedrückten Stimmung durchaus negativen Einfluss auf die Kollegen in seinem Umfeld haben. Somit sollte eigentlich kein vergrippter Kollege mehr im Büro aufschlagen.

"Es hängt aber in der Realität sehr stark von der aktuellen Konjunktur ab", erklärt Fricker weiter. Das bedeutet: "Bei einer guten Wirtschaftslage sind die Krankentage naturgemäß höher. In schlechten Zeiten treibt die Angst um den Arbeitsplatz die Leute ins Büro." Es seien aber mittlerweile in einigen Unternehmen Ansätze zu beobachten, die dies unterbinden sollen. In diesen Fällen würden Führungskräfte auch an der Produktivität ihrer Mitarbeiter gemessen. Fricker: "Dann sorgt die Führungskraft dafür, dass Mitarbeiter im Ansteckungsstadium lieber zu Hause bleiben, als mit dem Kopf unter dem Arm zur Arbeit zu erscheinen."

Hausarzt als erster Ansprechpartner

Grundsätzlich rät der Experte, bei Unwohlsein frühzeitig den Hausarzt seines Vertrauens zu konsultieren. "Fragen Sie ihn um Rat, ob sie noch arbeiten gehen können oder nicht. Er hat das Know-how um dies richtig einzuschätzen."

Den Rat, früh den Hausarzt anzuhören, kann Dr. Walter Dresch nur unterstreichen. "Man sollte auf jeden Fall nicht total kränkelnd in die Apotheke gehen und sagen: Ich muss sofort fit werden." Dann kämen nämlich oft Medikamente mit aufputschenden Nebenstoffen ins Spiel, die die Symptome nur verschleiern würden. "Die Gliederschmerzen gehen zurück, das Fieber sinkt und die Leute gehen im falschen Glauben, sie wären auf dem Weg der Besserung, weiter zur Arbeit. Dabei bräuchten sie eigentlich Ruhe, um sich richtig auszukurieren und die Erkrankung im Kern zu bekämpfen", so Dresch. "Irgendwann geht dann aber gar nichts mehr und die Betroffenen fallen längere Zeit komplett aus."

Auswirkungen auf Karrierechancen

Da wären wir meiner Ansicht nach auch bei dem Punkt angelangt, der am ehesten karriererelevant ist: kränklich ist jeder mal irgendwann, aber wer lange oder regelmäßig auf der Nase liegt, dürfte in den Augen der Vorgesetzten als wenig belastbar und vielleicht sogar als Unsicherheitsfaktor gelten. So ein Mitarbeiter wird in der Regel nicht mit höheren Aufgaben betraut, weil die Entscheider ein zu großes Risiko damit verbunden sehen.

Und wenn ich mich hundeelend fühle und ausgerechnet dann das wichtige Kundenmeeting ansteht? In diesem Fall sind meiner Ansicht nach alle Alternativen auszuloten: Lässt sich der Termin verschieben? Oder kann ich vielleicht einen Kollegen telefonisch und via E-Mail briefen und als Ersatz ins Rennen schicken? Denn mal ehrlich: Ein fahriger und vollends verschnupfter Ansprechpartner hinterlässt wohl keinen wirklich guten Eindruck beim Kunden – und das dürften auch die meisten Vorgesetzten so sehen.


Der Autor

Marc Wiegand ist verantwortlicher Redakteur unseres Karrieremagazins UNICUM BERUF. Damit ist er Dein direkter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Themen Berufseinstieg und Karriere. 

Kontakt: karriere-kompass@unicum.com


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