Zwischen Mann und Frau kommt es im Beruf immer wieder zu Konflikten
Foto: Thinkstock/Tobias Machhaus
Autor

21. Okt 2016

Marc Wiegand

UNICUM Karriere-Kompass

Fremdsprachen der Geschlechter

Wie SIE erfolgreicher kommuniziert

Machtpolitische Faktoren beachten

SIE sagt hü, ER versteht hott. An dieser Sprachbarriere arbeiten sich nicht nur Comedians gerne ganze Abende lang ab. Nein, auch manche Karriere-Experten weisen mit Nachdruck auf Kommunikations-Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin, sprechen mitunter von Fremdsprachen. Ihre daraus abgeleitete – und durchaus etwas kontroverse – Kernthese: Gerade die ambitionierte Frau, die sich karrieretechnisch in einer männerdominierten Branche durchsetzen will,  muss unbedingt "Dolmetscherfähigkeiten" mitbringen.

Einer aus dieser Experten-Riege ist der Unternehmensberater Dr. Peter Modler, der seit neun Jahren auch sogenannte "Arroganz-Trainings für weibliche Führungskräfte" durchführt. "Es geht mir nicht darum, die bestehenden Unterschiede als gut oder schlecht zu bewerten", stellt er direkt zu Beginn des Gesprächs klar. "Ich möchte nur dafür sorgen, dass Chancengleichheit besteht. Denn ich habe es schon ganz oft erlebt, dass die Karriere von hervorragend ausgebildeten Frauen stagniert, weil sie zu sehr auf die inhaltliche Ebene fokussiert sind und machtpolitische Faktoren völlig ignorieren. Wenn es um den beruflichen Aufstieg geht, kommt es aber nicht nur auf Wissen und Leistung an. Dieser Umstand muss einem nicht gefallen, er ist Realität."

Rangordnungen im Fokus

Modler beruft sich bei seinem Beratungsansatz für weibliche Führungskräfte auf die Soziolinguistin Deborah Tannen, die die Sprachsysteme von Männern und Frauen erforscht hat. Sie unterscheidet grundsätzlich zwischen horizontaler und vertikaler Kommunikation. Erstere wird vorwiegend von Frauen ausgeübt und ist geprägt durch einen ausbalancierten Informationsaustausch, nach dem Motto "Ich erzähle Dir etwas von mir, Du erzählst mir etwas von dir". Bei der vertikalen Kommunikation, die vorrangig bei Männern zu finden ist, stehe hingegen das Herstellen und Finden von Rangordnungen im Vordergrund: Jeder soll einen klar definierten Platz in einer Gruppe bekommen. Und diese gravierenden Unterschiede könne man laut Modler auch direkt in der Berufswelt beobachten.

Eine seiner Beispielszenen dazu: Die Mitarbeiterin leitet vertretungsweise für ihren Chef ein Meeting, zu dem vorwiegend Männer geladen sind. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde versucht sie die vorgegebene Agenda abzuarbeiten. Schnell bricht jedoch Unruhe aus, die ersten Smartphones werden gezückt, Seitengespräche beginnen, ein Kollege steht sogar auf und geht zum Fenster. "Solche Putschversuche entstehen, weil die Beteiligten vergeblich auf eine Rangerklärung gewartet haben. So bleiben für die vertikal Kommunizierenden die Verhältnisse undefiniert", analysiert Modler. Er empfiehlt eingangs ein klares Statement á la 'Ich bin die Moderatorin dieses Meetings' abzugeben. Es gehe darum, eine allgemeine Zuhörfähigkeit herzustellen, um dann auf Sachebene zu diskutieren. Dies hätte die Mitarbeiterin durch einen kurzen, aber effektiven Wechsel in das andere Kommunikationssystem erreichen können.

Mann wundert sich über Smalltalk

Auch in umgekehrter Konstellation sei dieses Phänomen zu beobachten, so der Unternehmensberater: In einem mehrheitlich von Frauen besetzten Meeting wundere Mann sich darüber, dass es nicht direkt und nüchtern zum ersten Tagesordnungspunkt gehe. Stattdessen stünden oft erst Beziehungsbotschaften und Smalltalk auf der (inoffiziellen) Agenda.

Was von Frauen auch häufig komplett unterschätzt wird, ist der Faktor Tempo. Und ich meine jetzt nicht das Arbeitstempo an sich", betont Modler. Er meint vielmehr: In einem vertikalen System gelten schnelle Bewegungsbotschaften als Herunterstufung des Ranges. Ein Chef/eine Chefin rennt nicht. Das gelte dort vielmehr als das natürliche Verhalten von Assistenten oder Hilfskräften. Als souveräne Führungskraft erscheine, wer sich eher langsam bewege, ruhig und mit Bedacht. "Die politische Autorität steigt automatisch, wenn man über seine Körpersprache solche Rangbotschaften absetzt. Und so etwas kann im Prinzip jeder. Man braucht nur ein Bewusstsein dafür."

Vorsicht bei Revierfragen!

Und noch ein weiteres Thema, das im allerersten Moment vielleicht ein wenig archaisch anmutet, schneidet der Unternehmensberater an: "Beim Umgang mit Revierfragen ist ebenfalls Vorsicht geboten!" Das Revier ist in diesem Fall die Grundfläche des Büros, die beispielsweise durch einen ohne Anklopfen hineinplatzenden Mitarbeiter, der sich unaufgefordert hinsetzt und genüsslich ausbreitet, quasi widerstandslos überlassen wird. "Es geht um wichtige Signalwirkungen: Wenn ein Mitarbeiter mit vertikalem Hintergrund das Gefühl hat, keiner wirklichen Autorität gegenüberzusitzen, wird die Zusammenarbeit schwieriger, und so ein Empfinden weitet sich schnell auf eine ganze Abteilung aus." Frau dürfe sich nicht zu schade sein, einen Kollegen zurechtzuweisen, dass er zu klopfen habe oder dass er kurz draußen warten solle, so Modlers Tipp. "Auch jemanden einen Moment stehen zu lassen bis man von seinem Monitor aufblickt und ihn bittet, Platz zu nehmen, kann effektiv sein."

Diese Tipps mögen auf den ein oder anderen etwas befremdlich wirken, Modler ist jedoch fest überzeugt, dass weibliche Führungskräfte damit karrieretechnische Wirkungstreffer landen können. "In meinen Seminaren sind manche Teilnehmerinnen zunächst sehr skeptisch angesichts dessen, was sie erlebt haben. Wenn sie aber die Tools in der Praxis ausprobiert haben, ändert sich häufig ihre Meinung."
 


Der Autor

Marc Wiegand ist verantwortlicher Redakteur unseres Karrieremagazins UNICUM BERUF. Damit ist er Dein direkter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Themen Berufseinstieg und Karriere. 

Kontakt: karriere-kompass@unicum.com


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