Gute Freunde am Arbeitsplatz
Foto: Thinkstock/Tobias Machhaus
Autor

15. Dez 2016

Marc Wiegand

UNICUM Karriere-Kompass

Freundschaft im Büro

Kann das funktionieren?

"Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt."

Doch stimmt diese berühmte Liedzeile auch im beruflichen Kontext? Was passiert, wenn der beste Freund im Büro gegenüber einzieht? Unter welchen Bedingungen können auf der Arbeit Freundschaften entstehen oder auch für immer zerbrechen? Und wann kann ein Freund womöglich ein hervorragender Karriere-Treiber sein?

"Grundsätzlich muss bei diesem Thema jedem klar sein, dass es keine allgemeingültige Freundschaftsdefinition gibt",  sagt der Psychologe Dr. Hermann Refisch, der in der Wirtschaft als Berater für Unternehmen arbeitet. "Der Begriff ist subjektiv geprägt: Der Eine bezeichnet jeden Facebook-Freund als wahren Freund. Der Andere hat vielleicht in seinem ganzen Leben nur eine einzige Person getroffen, die in seinen Augen ein echter Freund ist." Wegen der Vielfalt an Freundschaftsdefinitionen sei folglich auch die pauschale Abgrenzung eines Freundes von einem guten Kollegen mitunter schwierig, so der Experte.

Häufiger Kontakt zu Beginn

Anders verhalte es sich etwa bei der Startphase einer Freundschaft. Ihr seien relativ eindeutig ein paar markante und allgemeingültige Merkmale zuzuordnen. "Hilfreich für Freundschaften ist in jedem Fall, wenn sich die Beteiligten zumindest zu Beginn häufiger begegnen. Dafür ist ein Büro durchaus ein geeigneter Ort. Wenn dann Sympathie und gemeinsame Werte zutage treten, ist das schon einmal ein guter Auftakt", erläutert Refisch.

So wie sich ein Mensch im Laufe der Zeit verändert, durchlaufe auch eine Freundschaft verschiedene Phasen: "Bedenklich kann es werden, wenn zwei Freunde irgendwann nur noch über die Arbeit reden. Wenn weitere Anknüpfungspunkte nicht da sind, fehlen irgendwann wichtige Facetten, die wohl für die meisten Menschen zu einer Freundschaft dazugehören."

Dieses Manko werde bei gravierenden Veränderungen im Beruf – wie einem Arbeitgeberwechsel, Karriereknick oder dem Renteneintritt eines Beteiligten – häufig zum Stolperstein für eine Freundschaft. "Wenn die Unähnlichkeit größer wird, muss man an der Freundschaft arbeiten. Ansonsten haben sich zwei Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr viel zu sagen und verlieren mehr und mehr die Bande zueinander – die Freundschaft versandet."

Beförderung als Härtetest

Doch es gibt auch andere berufliche Szenarien, in denen eine Freundschaft auf die harte Probe gestellt wird. Etwa wenn aus zwei befreundeten Kollegen durch eine Beförderung plötzlich Chef und Mitarbeiter werden oder wenn zwischen zwei Freunden im Büro unerwartet eklatante Gehaltsunterschiede offenkundig werden. "Freundschaften über Hierarchien hinweg sind möglich, aber nicht sehr häufig", sagt Refisch dazu. Vielen falle es in derartigen Situationen schwer sich gänzlich von Neid und Missgunst zu befreien.

"Gegen diese negativen Gefühle gibt es auch kein Pauschal-Rezept, weil es einfach auch typabhängig ist. Noch ein weiterer Faktor spielt dabei eine Rolle: Wer mit sich und seinem Leben relativ zufrieden ist, wird seinem Freund mehr Verantwortung, Macht und Gehalt viel eher gönnen als jemand, der permanent mit seiner eigenen Situation hadert." Der Psychologe ergänzt: "Es kommt es auch darauf an wie die Freunde zueinander stehen. Gerade Männer messen sich ja gerne. Wenn dies aber mehr als sportlichen Charakter hat, wird eine weitreichende Änderung der Rangordnung im Job natürlich auch das freundschaftliche Miteinander belasten."

Ist Neid aus genannten Gründen jedoch kein Thema, dann kann eine Freundschaft über verschiedene Hierarchieebenen hinweg für beide Seiten einen Mehrwert habe. Refisch: "Wenn ich als Abteilungsleiter einen guten und loyalen Freund unter meinen Mitarbeitern habe, dann bekomme ich natürlich Dinge viel ungefilterter zurückgekoppelt als von einem normalen Mitarbeiter. Dann kann persönliches Feedback oder ungeschminkte Kritik auch ungemein aufschlussreich und hilfreich sein. Jedoch der Versuch, den Freund als Spion einzusetzen hingegen wird zu famosem Scheitern führen."

Empfehlungen bergen Risiken

Zu den häufigen Situationen, in denen sich Beruf und Freundschaft berühren, gehört auch die Recruiting-Hilfe von Mitarbeitern. Beispiel: In Unternehmen A muss eine Stelle neue besetzt werden und Mitarbeiter A empfiehlt seinem Chef seinen Freund, der in Unternehmen B arbeitet. "Solche Empfehlungen sind weit verbreitet. Oft wird sie auch gezielt durch Prämien und Provisionen gefördert. Denn wenn es Unternehmen gelingt, die privaten Netzwerke ihrer Mitarbeiter für das Recruiting zu nutzen, erhöhen sie ihre Kanäle und Reichweiten merklich", sagt Refisch.

Der Experte warnt jedoch auch vor den Tücken dieser Dreiecks-Konstellationen: "Geschieht die Empfehlung nur als Gefälligkeit ohne Eignung, stehen drei Personen im Regen: Der Neue kann den Job nicht, der Empfehlende wird unglaubwürdig, der Chef muss eine Neubesetzung angehen", skizziert er die negative Tragweite falsch verstandener Freundschaftsdienste.

Wer solche Rückschlagrisiken ausklammern will, muss einer klaren Rollenverteilung folgen. Diese funktioniert im Prinzip ganz einfach: Der Vermittler stellt nur den Kontakt her, die beiden anderen müssen alles Weitere sorgfältig prüfen – als wäre der Kontakt über eine reguläre Stellenausschreibung entstanden. Formulierungen wie "Ich kenne jemanden, der  könnte passen" gingen laut Refisch in die richtige Richtung. So könne sich der Empfehlende auf eine kontaktanbahnende neutrale Rolle beschränken und die genaue Prüfung des "Fit" den anderen beiden überlassen.

Klappt dies, ist ein regelrechter Coup geglückt: "Beim Chef hab ich einen weiteren Stein im Brett und ich gewinne definitiv einen sympathischen und bekannt kompetenten Kollegen dazu", so Refisch.


Der Autor

Marc Wiegand ist verantwortlicher Redakteur unseres Karrieremagazins UNICUM BERUF. Damit ist er Dein direkter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Themen Berufseinstieg und Karriere. 

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