Lernen zahlt sich aus: Geisteswissenschaftler als Generalisten
Foto: Thinkstock/Tobias Machhaus
Autor

14. Dez 2016

Marc Wiegand

UNICUM Karriere-Kompass

Geisteswissenschaftler: Gefragte Generalisten

Jobchancen für Germanisten und Co.

Objektiver Check der Perspektiven

In puncto Karriereplanung begehen Geisteswissenschaftler häufig einen Kardinalfehler: Sie glauben insgeheim denjenigen, die ihnen realistische Chancen auf dem Arbeitsmarkt absprechen und eine grundsätzliche Arbeitsunfähigkeit attestieren. Mit der inneren Überzeugung "Es gibt ja eh keinen spannenden Job für mich" gestaltet sich dann der Berufseinstieg zwangsläufig schwierig.

Dabei fördert ein objektiver Check der Perspektiven von Germanisten, Linguisten und Co. durchaus ein ermutigendes Ergebnis zutage, wie der Vorsitzende des Career Service Netzwerkes Deutschland, Rouven Sperling, bestätigt: "Auch für Geisteswissenschaftler gilt die Aussage: Ein Studium ist lohnenswert! Denn die Arbeitslosenquote von Akademikern ist in Deutschland mit etwa drei Prozent erfreulich gering." Gleichwohl muss der Arbeitsmarkt-Experte eine Einschränkung vornehmen: "Für Geisteswissenschaftler ist es kein Problem, eine Anstellung zu finden. Die Schwierigkeit ist aber, einen adäquaten Job zu finden. Viele arbeiten später in einem fachfremden Bereich."

Dürftige Bezahlung zu Beginn

Die Gehälter dort seien in den ersten Berufsjahren überschaubar, würden sich aber dann mit steigender Berufserfahrung denen anderer Disziplinen immer weiter angleichen. Sperling dazu: "Zur Villa in der Schlossallee wird es vermutlich nicht reichen, aber in der Regel hat man fünf Jahre nach dem Berufsstart ein solides Auskommen. Dabei spielt es übrigens nur eine untergeordnete Rolle, ob man nach dem Bachelor-Abschluss noch den Master gemacht hat oder nicht."

Wichtig sei es für Geisteswissenschaftler, sich auf die genannten Berufsrealitäten einzustellen und eine hohe Lernbereitschaft und thematische Flexibilität an den Tag zu legen. Denjenigen, den derartige Anforderungen ein Dorn im Auge sind, rät Sperling zu einer wissenschaftlichen Karriere: "Dafür sollte man frühzeitig die Grundsteine legen: schon während des Studiums in entsprechenden Instituten und Einrichtungen arbeiten, sich frühzeitig spezialisieren, viel publizieren und auf höhere akademische Grade wie Promotion und Professur hinarbeiten."

Dann seien die Chancen, in der deutschen oder internationalen Wissenschaftslandschaft Fuß zu fassen und eine Anstellung zu finden, nicht gering. "Die Jobs sind allerdings häufig befristet und versprechen selten fürstliche Gehälter. Das muss man wissen, wenn man diesen Bereich anvisiert", konstatiert der Experte.

Experte sieht vielfältige Einsatzfelder

Wer seine Zukunft stattdessen auf dem freien Arbeitsmarkt sieht, sollte sich seiner Meinung nach mit Bereichen wie Consulting/Beratung, Personal, Kommunikation, Projektmanagement, Strategie/Politik, Internationalisierung oder auch dem öffentlichen Dienst intensiver auseinandersetzen. "Dort sind zwar selten Stellen explizit für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben. De facto werden aber viele Stellen mit ihnen besetzt", so Sperling.

Woran das liegt? Geisteswissenschaftler würden seitens der Unternehmen häufig als Universaltalente geschätzt. Ihnen würden verschiedenste Einsatzfelder zugetraut – zumindest wenn die Kandidaten über eine starke Persönlichkeit und wichtige Eigenschaften wie etwa Durchsetzungsfähigkeit verfügen.

Ein Beispiel dazu: Für Aufgaben in Management und Verwaltung rekrutiert ein großer Lebensmittel-Discounter bevorzugt Geisteswissenschaftler, wie Sperling weiß. "Die Begründung ist, dass sich Geisteswissenschaftler mit einer überzeugenden Persönlichkeit das notwendige Fachwissen im ersten halben Jahr problemlos draufschaffen können."

Absolventen müssen Offenheit signalisieren

Aufgrund solcher Erfahrungen sieht er eine ausgeprägte Lern- und Weiterbildungsbereitschaft neben Methoden-, Management- und Kommunikationskompetenz als zentrale Schlüsselqualifikation von Geisteswissenschaftlern an. Diese Stärken sollten in Bewerbung und Lebenslauf durchschimmern. "In seiner Vita kann man seine praktische Ausrichtung durch Praktika, Hospitanzen oder Nebenjobs hervorheben. Ideal ist es, wenn man diese mit Basiskenntnissen in BWL ergänzen kann." Das wirtschaftliche Know-how ließe sich etwa durch Online- oder Abendkurse generieren. Sperling ergänzt: "Es geht nicht um einen Bachelor-Abschluss in Rechnungslegung, sondern wirklich nur um ökonomische Grundlagen-Kenntnisse."

Abschließend hat der Experte noch zwei Ratschläge parat, die für Geisteswissenschaftler wie auch für andere Absolventen maximal relevant sind: "Bringen Sie beim Berufseinstieg eine gute Portion Frustrationstoleranz mit! Verzweifeln Sie nicht, wenn auf die ersten Bewerbungen keine Einladung folgt oder es nicht direkt auf Anhieb mit dem gewünschten Gehalt, Aufgabenfeld oder Arbeitsort klappt."

Zudem verweist Sperling mit Nachdruck auf ein charakteristisches Merkmal der modernen Arbeitswelt: Etwa drei Viertel aller freien Stellen werden dort gar nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern mit Hilfe persönlicher Beziehungen besetzt. "Es zeigt sich also, wie enorm wichtig es ist, schon während des Studiums mit dem Netzwerken anzufangen, damit man später einen Schlüssel zu diesem parallelen Arbeitsmarkt in der Hand hält."
 


Der Autor

Marc Wiegand ist verantwortlicher Redakteur unseres Karrieremagazins UNICUM BERUF. Damit ist er Dein direkter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Themen Berufseinstieg und Karriere. 

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