Criticism: Kritik im Wörterbuch
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29. Sep 2016

Marc Wiegand

UNICUM Karriere-Kompass

Kritik einstecken und austeilen

Souverän in unangenehmen Gesprächen

Unangenehme Gespräche meistern

"Du sollst SOFORT zum Chef kommen?er sah irgendwie ziemlich sauer aus." Es sind Sätze wie diese, die einem auf der Arbeit schon mal für einen kurzen Augenblick das Blut gefrieren lassen können. Denn in aller Regel verheißen sie nichts Gutes und den Betroffenen erwartet meist eine Prozedur, die der Volksmund auch gerne mal mit "rundmachen" oder "zusammenfalten" beschreibt.

Doch muss ein kritikbeladenes Gespräch eigentlich immer so unangenehm wie eine Wurzelbehandlung sein? Oder gibt es Möglichkeiten, die verbale Konfrontation ein wenig erträglicher zu gestalten? Wie gehe ich souverän mit einer Gesprächssituation um, die im Laufe eines Berufslebens wohl zwangsläufig das ein oder andere Mal auf mich wartet?

Kritik als Chance sehen

Kommunikationstrainer Peter Rach empfiehlt, stets mit einer bestimmten Grundeinstellung in ein Kritikgespräch hineinzugehen. "Feedback ist das Frühstück der Sieger. Man sollte Kritik als Chance sehen, um persönlich weiter zu wachsen. Große Menschen nehmen Kritik an. Sich jedoch permanent zu rechtfertigen, ist kleingeistig."

Der Team-Experte rät in diesem Zusammenhang auch, sich die hormonellen Prozesse im menschlichen Körper während Ausnahmesituationen bewusst zu machen: Was passiert, wenn massiv Adrenalin ausgestoßen wird? "Es mag im ersten Moment etwas lustig klingen, aber in dieser Situation ist man quasi zurückversetzt in die Zeit unser Vorfahren, die vor dem wilden Säbelzahntiger flüchten. Unser ganzes Blut wird in Hände und Füße gepumpt, um Flucht oder Verteidigung zu unterstützen. Das Gehirn läuft hingegen nur auf Notstrom. Und dementsprechend intelligent handele ich in diesen Momenten auch."

Unbedingt ruhig bleiben

Die Konsequenz daraus: Signalisiere dem Körper unbedingt, dass keine unmittelbare Gefahr droht! "Im Vorfeld eines Kritikgesprächs also langsam und tief ausatmen und die Konzentration darauf legen, ruhig zu bleiben. Dann bin ich auch vom Kopf her frisch für einen fordernden Dialog." Wenn während des Gesprächs die Emotionen hochkochen, gelte die Maßgabe: Lieber kurz eine Pause einschieben und einen frustrierten Urschrei im gefliesten Bereich des Gebäudes herauslassen, als allmählich Konzentration und Contenance zu verlieren.

Im Gespräch selber müsse es Ziel sein, eine "gute Chemie" mit dem Gegenüber herzustellen – sowohl auf Ebene der Körpersprache als auch rhetorisch. Rach dazu: "Es geht darum, mit seinem Gesprächspartner quasi im Gleichschritt zu handeln und eine Situation "auf Augenhöhe" herzustellen. Das ist eine wichtige Voraussetzungen für einen funktionierenden Dialog." Konkret heißt das: "Eine unterwürfige oder allzu eingeschüchterte Haltung ist zu vermeiden. Denn Alpha-Tiere mögen keine Opfer-Typen. Besser ist es, sich ähnlich wie der Chef zu geben und ihn quasi zu spiegeln."

Nicht voll auf Angriff schalten

Übertragen auf die rhetorische Ebene bedeutet "gute Chemie", dass direkte Konfrontationen unbedingt zu vermeiden sind. "Sie müssen sich bewusst machen, dass Sie für jede direkte Konfrontation einen Preis zahlen, weil sie ihre Beziehung zum Gesprächspartner nur nachhaltig stört." Was ja insbesondere, wenn es um den Chef geht, sehr ungünstig ist. Laut Rach solle man die Meinung seines Gegenübers respektieren und unbedingt erst ein einmal stehen lassen. "Denken Sie dabei daran, dass es keine allumfassende Wahrheit gibt, sondern jeder Mensch seine ganz eigene Realität und Wahrnehmung hat. Das macht es sicherlich einfacher." Dahinter stehe die grundsätzliche Kritikempfang-Strategie "einpacken, mitnehmen und darüber reflektieren". Vielleicht ist ja am Ende doch etwas dran, was ich mir nur nicht eingestehen will.

Zumindest aber wenn unentwegt ungerechtfertigte Kritik auf einen niederprasselt, gesteht einem die Rachsche Kommunikations-Strategie Gegenmaßnahmen zu. Doch seine persönliche Meinung sollte man auch dabei stets in neutrale Worte hüllen und sachlich herüberbringen – und nicht mit einer stark angeschwollenen Halsader.

Rhetorische Kunstgriffe anwenden

"Versuchen Sie es mit weichen Formulierungen wie ?den Punkt sehe ich anders als Sie? oder ?möglicherweise haben wir die Situation verschieden aufgefasst?. So etwas kann man eigentlich immer sagen", rät Rach und fügt an: "Wer aber einfach nur Recht behalten will, der bekommt einen Kampf und erzeugt immer einen Verlierer. Ziel sollte es sein, möglichst mit einem Konsens oder notfalls mit einem offenen Ende aus dem Gespräch hinauszugehen. Ganz nach dem Motto: Wir haben konstruktiv unsere Standpunkte ausgetauscht. Jetzt heißt es der Sache weiter auf den Grund zu gehen und gemeinsam eine Lösung zu finden. "Mit diesen kleinen rhetorischen Kunstgriffen, die ein gutes Gesprächsklima aufrechterhalten, könne man souverän aus einem unangenehmen Dialog aussteigen.  

Doch im Berufsalltag kann es dann ja auch mal andersherum laufen: Kollege Meier hat im Kundenmeeting schon wieder furchtbar performt und somit einen wichtigen Folgeauftrag "vereitelt". Da darf und muss man auch als Nicht-Führungskraft vielleicht ein kritisches Wort äußern. Für diesen Rollentausch gibt uns Experte Peter Rach den Leitspruch "Kritik ist Gift für jede Beziehung" mit auf den Weg. Soll heißen: Nicht ohne Vorbereitung direkt zur großen Fundamental-Schelte ansetzen, sondern sich viel Zeit nehmen und ganz behutsam vorgehen. "Machen Sie dabei zunächst deutlich, dass der Gesprächspartner ihnen am Herzen liegt und dass sie aus diesem Grund konstruktive Kritik üben möchten", so Rach. Die Überschrift könne lauten: Du könntest noch viel besser sein – wenn Du willst.

Die drei Phasen des Kritisierens

Für die eigentliche Kritik empfiehlt Rach dann einen kompakten Gesprächsleitfaden in drei Akten:

1. "Immer mit unumstößlichen Fakten anfangen. Über diese kann man gar nicht diskutieren."

2. "Seine Interpretation der Fakten präsentieren – hier sollte man sogar zur Diskussion einladen."

3. "Seinen konstruktiven Input abgeben à la ?ich würde mir wünschen..? oder ?probiere doch mal..? oder ?es wäre prima, wenn Du...?."

Mit Hilfe dieses Vorgehens könne Kritik geübt werden, ohne dass der Kritisierte sein Gesicht verliere oder maßlos sauer reagiere, so Rach. "Es muss aber wirklich ein triftiger Grund vorliegen. Da Kritisieren immer mit einem großen Risiko für die Beziehung verbunden ist, sollte man sich bei Lappalien lieber den Einsatz dieses Giftes sparen."
 


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