Toxischer Chef: Das kannst du tun!

Ein schlechter Chef ist wie Gift für das Unternehmen. | Foto: Fizkes/Getty Images.
Toxische Chefs machen krank
Erst waren es nur die Teammeetings, bei denen Sibille Reinleder (Name geändert) Reaktionen feststellte, die sie von sich so nicht kannte: Schwitzige Hände und dieser Druck auf dem Brustkorb. Als sich irgendwann bei praktisch jedem Kontakt mit ihrem Vorgesetzen Herzklopfen und ein Ziehen im Magen hinzugesellten, verhärtete sich bei der damals 26-Jährigen der Eindruck: "Dieser Job macht dich krank."
Dabei hatte sich für Reinleder nach dem Germanistik-Studium ein lang gehegter Traum erfüllt: Nach diversen Praktika im Journalismus, im Online-Marketing und bei Verlagen hatte sie die Stelle als Marketing Manager bei einem Online-Portal in der Nähe Frankfurts ergattert. Und nun war sie alles andere als glücklich. Ihr Vorgesetzter war Gift für sie: Immer dieses diktatorische Verhalten, dieser Kontrollwahn. Nie folgte auf eine geäußerte Idee ein Lob, höchstens ein "Ja, aber" oder ein "das haben wir so noch nie gemacht". Diagnose: toxische Führungskraft.
Toxische Vorgesetzte: Das sind die Anzeichen
"Wir leben im 21 Jahrhundert. Vokabeln wie Kontrollwahn, Diktatur, Patriarchalismus gehören in die Jahrhunderte davor, sollte man meinen. Doch weit gefehlt. Es gibt sie auch heute noch – die Führungskräfte, die statt auf Vertrauen, Wertschätzung, Feedback und Motivation auf das genaue Gegenteil setzen. Das macht sie zu einer tickenden Zeitbombe für das ganze Unternehmen", sagt Managementberater Roald Muspach, Geschäftsführer der Contas KG. Was das auf lange Sicht mit dem Unternehmensorganismus mache, sei vergleichbar mit einem vergifteten Körper: "Erst treten Lähmungen auf, Innovationen verlangsamen sich und stagnieren ganz. Irgendwann japst die ganze Abteilung nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen."
Meist steht dahinter ein Mangel an Selbstvertrauen: Toxische Führungskräfte geben zwar nach außen vor, die Besten zu sein. In Wirklichkeit sind sie aber unfähig, kreative Entscheidungen zu treffen. "Indem sie andere kritisieren, stärken sie ihre eigene Position und nehmen anderen, was sie selbst nicht haben: Kompetenz und Selbstvertrauen", erläutert Muspach. "Probleme werden ignoriert oder ein vermeintlich Schuldiger im Team muss seinen Kopf hinhalten. Dann hauen toxische Führungskräfte auf den Tisch, werden ungeduldig, cholerisch und verbreiten Angst."
Kündigung wegen giftigem Betriebsklima
Bereits in niedrigen Dosen kann eine toxische Führungskultur erheblichen Schaden anrichten – bei Unternehmen und Mitarbeitern. "Wenn das Führungsverhalten nicht stimmt und die Situation am Arbeitsplatz schlecht ist, leiden Mitarbeiter psychisch und physisch darunter", sagt Marco Nink, Senior Practice Consultant bei Gallup. Jährlich untersucht das Unternehmen im Engagement Index das Wohlfühlklima in deutschen Büros. "Dies kann auch gravierende Auswirkungen auf das private Umfeld haben. Niemand gibt Stress am Werktor oder Empfang ab, wenn er nach Hause geht." Ein Viertel der Arbeitnehmer hat schon einmal eine Arbeitsstelle wegen eines Vorgesetzten verlassen, um das eigene Wohlbefinden zu verbessern.
Aber kein Gift ohne Gegengift. "Helfen kann eine Kultur, die sich durch mitarbeiterorientiertes Handeln auszeichnet: Vertrauen statt Kontrolle, Übertragen von Verantwortung statt Aggression und eine offene Feedbackkultur auf Augenhöhe", sagt Roald Muspach. "In Entwicklungsprogrammen sollten alle Manager von Anfang an zu einer wertschätzenden Führung angeleitet werden."
In Sibille Reinleders Firma wurde das erst spät nachgeholt. Da hatte sie bereits die Konsequenzen gezogen und gekündigt. Bei der Bewerbung bei ihrem neuen Arbeitgeber beugte die heute 38-Jährige vor: "Ich habe genau hinterfragt, ob es Managementschulungen im Bereich Personalführung gibt. So etwas wollte ich nicht noch einmal erleben."
5 Tipps gegen toxische Führungskräfte
Die Angst vor einer Person im eigenen Unternehmen (insbesondere eine Führungskraft) kann uns lähmen und völlig handlungsunfähig machen. Diese 5 Tipps können dir vielleicht dabei helfen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen:
1. Networking
Hör dich bei deinen Mitarbeitenden um und versichere dich, dass auch sie die gleichen schlechten Erfahrungen mit dem Chef bzw. der Chefin gemacht haben. Sprecht euch genau ab und findet gemeinsam heraus, an welchen Stellen eindeutig eure Bedürfnisse vernachlässigt und die Fürsorgepflicht für Mitarbeitende von der Chefetage verletzt wurde.
2. Den/Die richtige /-n Ansprechpartner /-in finden
Auch der Chef oder die Chefin eines Unternehmens hat sich an Regeln zu halten und es liegt nun an dir herauszufinden, wer die Konsequenzen aus unangemessenem handeln ziehen kann. Gibt es noch eine weitere Instanz über der toxischen Person, oder kannst du dich vielleicht an den Betriebsrat wenden. Auch eine (anonyme) Dienstaufsichtsbeschwerde oder ein Termin im Gleichstellungsbüro sind möglich.
3. Grenzen setzen
Auf gar keinen Fall solltest du schlechte Behandlung am Arbeitsplatz einfach schlucken. Setze klare, aber höfliche Grenzen mit Sätzen wie: "Sprechen Sie bitte nicht in diesem Ton mit mir, wir können uns normal über das Thema unterhalten."
4. Keine Einzelgespräche
Eine toxische Führungsperson läd dich oft zu Disziplinar- und Einzelgesprächen ein. Der einfache Grund: In solch einem Gespräch kann er oder sie dir unbeobachtet alles vor den Kopf werfen, ob gerechtfertigt oder nicht. Lass dich deshalb auf solche Gespräche nicht mehr ein und bestehe grundsätzlich auf eine /-n Zeugen /-in. Das kann ein Kollege bzw. eine Kollegin, aber auch eine weitere Vertretung der Chefetage sein, zu der du Vertrauen hast.
5. Genug ist genug
Eine Verletzung der Fürsorgepflicht durch eine /-n Vorgesetzte /-n ist strafrechtlich relevant! Wenn also keine Strategie mehr anschlägt, nimm dir auf jeden Fall einen Anwalt für Arbeitsrecht und kündige!
Du willst noch mehr wissen? Dann findest du hier Informationen über deine Rechte als Arbeitnehmer /-in und Pflichten von Arbeitgebern /-innen:

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