Lehrermangel Unterricht
Vor allem an Schulen der Sekundarstufe I wird sich der Lehrermangel verschlimmern. | Foto: monkeybusinessimages/Getty Images
Autor

09. Jan 2020

Marvin Kesper

Branchencheck

Lehrermangel: Wo ab 2020 die meisten Lehrkräfte fehlen!

Lehrer /-innen sind sehr gefragt

Dass es in Deutschland in Zukunft an Lehrkräften fehlt, ist kein Geheimnis mehr. Die Studien der Bertelsmann Stiftung und der Kultusministerkonferenz zeigen zwar durchaus unterschiedliche Zahlen, doch eines geht aus beiden hervor: Auf das deutsche Bildungssystem kommt eine große Herausforderung zu. Laut Bertelsmann Studie fehlen im Jahr 2025 alleine mindestens 26.000 Grundschullehrer /-innen. Die Kultusministerkonferenz, ein Plenum aller Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturminister der Bundesländer, sieht das Ganze anders: Sie spricht von einem kurzfristigen Engpass von 12.400 Grundschullehrerinnen und Lehrern. Außerdem prognostiziert sie einen durchgängigen Engpass von Berufs-, Haupt- und Realschullehrerinnen und -lehrern bis zum Jahr 2030. Alleine an den Berufsschulen werden laut Bertelsmann-Studie bis zu 60.000 Lehrer /-innen fehlen. An den Gymnasien sieht die Lage hingegen komplett anders aus. Hier rechnen die Experten mit einem deutlichen Überangebot an Lehrerinnen und Lehrern. 


Inhaltsverzeichnis

  1. Gründe
  2. Berufschancen
  3. Unterschiede Bundesländer
  4. Unterschiede Schulformen
  5. Maßnahmen

Gründe für den Lehrermangel

Doch wieso kommt es überhaupt zu so einem Mangel an Lehrkräften? Der Hauptgrund liegt in der größer werdenden Anzahl an Schülerinnen und Schülern, durch eine steigende Geburtenrate und Zuwanderung. Seit 2012 steigt die Zahl der Geburten in Deutschland kontinuierlich an und lag laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2018 bei 787 523 Neugeborenen. Also knapp 800.000 Kinder, die ab 2024 in Deutschland neu zur Schule gehen. Dadurch, und dass es bis 2024 nicht genügend Lehramt-Absolventen /-innen für das Grundschullehramt gibt, fehlt es an Grundschullehrern /-innen. An den Berufsschulen ist der Grund ein anderer. Sie haben vor allem mit der Pensionierung der bestehenden Lehrkräfte und dem fehlenden Nachwuchs zu kämpfen. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln liegt ein Teil der Verantwortung auch bei der Politik. Zu sehr wurde es versäumt, in den Bildungssektor zu investieren und falsche Kalkulationen bezüglich Entwicklung der Schülerzahlen getroffen. Außerdem wurde ein plötzlicher Anstieg der Einwanderungszahlen nicht beachtet. 

Doch auch die Bologna-Reform, mit der 2004 Master- und Bachelorstudiengänge eingeführt wurden, spielt eine Rolle beim Lehrermangel. Dadurch ist die Zahl der Studienplätze im Lehramt zurückgegangen und damit auch die Anzahl der frisch ausgebildeten Lehrer /-innen. 

Lehrermangel als Berufschance

Wer Lehrer werden möchte, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Vor allem für aktuelle Lehramtsstudierende verbessert der Mangel an Lehrkräften die Berufschancen enorm. Gerade Studierende, die auf Grundschullehramt oder Lehramt für die Sekundarstufe I studieren, haben ausgezeichnete Aussichten. Eine Einstellung an einer öffentlichen Schule ist hier so gut wie sicher. Auch für Berufstätige, die sich umorientieren möchten, könnte ein Quereinstieg als Lehrer ein attraktiver Karriereschritt sein. Vor allem berufserfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure sind für einen Quereinstieg als Berufsschullehrer /-in gefragt. Wer sich kurzfristig einen Job an einer Grundschule vorstellen kann, hat auch gute Chancen den Quereinstieg als Grundschullehrer /-in zu meistern. Generell kannst du als Lehrer /-in auf einen guten Verdienst vertrauen. Das Lehrer-Gehalt beim Einstieg für eine /-n verbeamtete /-n Lehrer /-in liegt bei 3487,17 Euro bis 3929,17 Euro brutto im Monat. Und auch als Quereinsteiger /-in hast du, je nach Bildungsabschluss, eine Chance auf eine Verbeamtung.  


Lehrermangel Berufsschule


Unterschiede zwischen den Bundesländern

Die Unterbesetzung an den Schulen zeigt sich in den Bundesländern unterschiedlich. Am stärksten betroffen sind demnach die Bundesländer im Osten Deutschlands. Hier ist die Lage deutlich angespannter als in Westdeutschland. Dass es Unterschiede innerhalb des Bundesgebietes gibt, liegt daran, dass die Bildungspolitik den Bundesländern obliegt und so jedes Bundesland selbst errechnet, wie viele Lehrstellen frei sind und wie viele von ihnen mit angehenden Lehrerinnen und Lehrern besetzt werden können. Vom Lehrermangel aktuell stark betroffen sind laut Kultusministerkonferenz Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und teilweise auch Berlin. Dabei ist es schwer eine generelle, fächer- und schulformübergreifende Statistik über die aktuelle Lage auf dem Lehrermarkt aufzustellen. Denn nicht nur zwischen den Bundesländern gibt es Unterschiede, sondern auch bei den Schulformen. 

Unterschiede zwischen den Schulformen

Ein /-e Lehrer /-in kann sich in seiner/ihrer Ausbildung auf die verschiedenen Schulformen spezialisieren. So kommt es dazu, dass es auch zwischen den einzelnen Formen Unterschiede bei der Verfügbarkeit von Lehrkräften gibt.

Grundschullehrer /-innen

Deutschlandweit gibt es aktuell einen temporären Mangel an Grundschullehrern /-innen. Besonders stark betroffen sind hiervon die Bundesländer Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Hier deckt das Lehrkräfteangebot den Lehrkräftebedarf um weniger als die Hälfte. Es bräuchte aktuell also doppelt so viele Grundschullehrer /-innen, wie vorhanden sind. In Zukunft entwickelt sich die Anzahl an Grundschullehrer /-innen allerdings positiv. Im Jahr 2024 soll es nach den Prognosen der Kultusministerkonferenz nämlich das erste Mal ein höheres Lehrereinstellungsangebot, als Einstellungsbedarf im Grundschulbereich geben. Im Jahr 2030 rechnen die Minister sogar mit einem Überschuss von 3200 Grundschullehrerinnen und Lehrern. Über den gesamten Zeitraum von 2019 bis 2030 gesehen, gleichen sich der Bedarf und die vorhanden Lehrkräfte also aus. 

Lehrer /-innen der Sekundarstufe I

Anders sieht die Entwicklung bei den Lehrkräften der Sekundarstufe I aus. Bis 2030 fehlt es hier jedes Jahr an neuen Lehrer /-innen. Besonders hoch war der Bedarf an Real-, Haupt- und Gesamtschullehrer /-innen im Jahr 2019. Bundesweit fehlten alleine in diesem Jahr 3580 Lehrkräfte für diese Schulformen. Die Kultusminister prognostizieren zwar eine steigende Zahl an Lehrern /-innen  der Sekundarstufe I, jedoch reicht das Lehrkraftangebot bis 2030 jährlich nicht aus, um den Bedarf zu decken. Im Schnitt fehlen pro Jahr 1950 Lehrkräfte alleine für diese Schulformen. Am meisten fehlen sie in den Bundesländern Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Während der Bedarf in Sachsen-Anhalt und Brandenburg bis 2030 weitgehend durch neue Absolventinnen und Absolventen gedeckt werden kann, bleibt der Lehrermangel in Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern auch in zehn Jahren weiterhin bestehen. 

Lehrer /-innen der Sekundarstufe II

Während in allen anderen Bereichen ein Lehrermangel vorherrscht, ist der Bedarf an Gymnasiallehrer /-innen fast im gesamten Bundesgebiet schon 2019 gedeckt. Nur in Sachsen-Anhalt konnte 2019 weniger als die Hälfte des Bedarfs ausgeglichen werden. Dennoch prognostiziert die Kultusministerkonferenz in den nächsten zehn Jahren einen deutlichen jährlichen Überschuss an Gymnasiallehrer /-innen. Lediglich im Jahr 2025 gibt es ein geringeres Angebot als Einstellungsbedarf. Über die Jahre hinweg gibt es deutschlandweit im Schnitt jährlich ein Überangebot von 3170 Lehrkräften der Sekundarstufe II. Warum sich so viele für diese Schulform auf Lehramt studieren, könnte an der besseren Bezahlung und den größeren Aufstiegschancen liegen, die eine Lehrstelle an einem Gymnasium gegenüber der Sekundarstufe I oder der Grundschule bietet.  

Berufsschullehrer /-in

Auch Berufsschullehrer /-innen werden in Zukunft jedes Jahr gesucht. Aktuell sind es vor allem Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Berlin, wo es zu wenig Berufsschullehrer /-innen gibt. Bis 2030 wird sich der Lehrermangel im Berufsschulwesen auch in Brandenburg, Thüringen und Nordrhein-Westfalen bemerkbar machen. In den nächsten zehn Jahren fehlen deutschlandweit jährlich 780 Berufsschullehrer /-innen. Laut den Statistiken der Kultusminister sind es 2020 circa 700 Berufsschullehrer /-innen, die bundesweit fehlen

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Maßnahmen gegen den Lehrermangel 

Jährlich versuchen die Bundesländer, alle offenen Stellen im Schulsystem zu besetzen. Hierfür greifen sie zu verschiedenen Maßnahmen: Zum einen werden, sich bereits im Ruhestand befindende, Lehrer /-innen reaktiviert. Alleine in Nordrhein-Westfalen waren es seit 2016 über 800 Lehrer /-innen, die aus dem Ruhestand zurückgekehrt sind oder die Pension verschoben haben. So können zumindest ein Teil der unbesetzten Stellen kurzfristig besetzt werden. Um das Problem langfristiger einzudämmen, setzen viele Bundesländer und Schulen immer mehr auf Quereinsteiger /-innen. Lag der Anteil von Quereinsteiger /-innen an öffentlichen Schulen vor zehn Jahren noch bei unter drei Prozent, sind es heute circa 13 Prozent. Der Quereinstieg als Lehrer /-in wird auch in Zukunft immer attraktiver werden. Doch auch die Berechnung des Lehrerbedarfs wird von den Bundesländern immer weiter optimiert, sodass in Zukunft ein Mangel an Lehrkräften besser prognostiziert und früher Maßnahmen ergriffen werden können. Das Bundesland Hessen arbeitet seit 2017 beispielsweise mit einer Kombination aus verschiedenen Berechnungsverfahren und aktualisiert mehrmals im Jahr die Zahlen, um auch kurzfristige Ereignisse und Trends zu berücksichtigen. 

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